26. Juni, Montag, Zwei Ausflüge

Welch ein gelungenes Aufwachen! Mit Hilfe des neuen Handys ist es mir gelungen, eine wirklich pastörliche Möglichkeit des Weckens zu finden. Pünktlich um 6.30 Uhr erklang durch unser Zimmer der getragene Chor aus Schuberts Deutscher Messe: Heilig, heilig, heilig! Einerseits gibt das ein gutes Gefühl von Getragensein, anderseits treibt es einen aus dem Schlaf, weil es einfach zu schön ist, so wunderschön, dass es geradezu kitschig erscheint und zum Ausschalten einlädt. Das Christentum ist eben dann doch mehr als ein schönes Gefühl.

Der Vormittag war einem Spaziergang durch das Pantanal gewidmet. Einen solchen hatten wir schon vor zwei Jahren gemacht und dabei am meisten erlebt. Wir sahen viele Affen, sogar einen Ameisenbär, viele Vögel, eine Schlange, Spinnen diverser Art usw. Also freute ich mich schon auf diesen Gang in der Hoffnung, noch mehr von diesem Viehzeug zu sehen. Aurora blieb daheim, weil sie sich vor einigen Tagen einen Zeh gebrochen hatte und jetzt nicht weit laufen konnte. Also zogen Inha und ich los. Erstaunlicherweise wurden wir zunächst in ein großes, offenes Auto verfrachtet. Das Teil hatte die Dimensionen eines Lastwagens und einen schweren Dieselmotor, bei dem man bei jedem Schalten auch noch Zwischengas geben musste. Ich hörte den Sound der 50er Jahre. Los ging es nicht etwa zu dem Pfad, auf dem wir so viel erlebt hatten, sondern dahin, wo die Pferde stehen. Zunächst erkundeten wir wieder das Gelände, besuchten die Kaimane und gingen dann langsam los. Das Besondere an diesem Ausflug war, dass wir bereits auf dem Weg dorthin ständig stehen blieben, weil unser Guide immer wieder neue Vögel ausmachte, die er uns zeigen wollte. Ich fürchtete schon, wir würden den Gang gar nicht zu Ende bringen, weil die Zeit dann nicht reicht. Aber als wir dann los gingen, zeigte es sich schnell, dass wir auch schon wieder aus dem Wald raus kamen. Die Tour war nur wenige hundert Meter lang. Aber dafür führte sie mitten durch den schönen, dichten Pantanal-Wald. Der Guide wies uns auf die Stille hin. Eine Dame – typisch Brasilianerin – meinte daraufhin: „ Stimmt! Wie schön still es hier ist. Wie wunderschön (lindo!), nicht mal die Vögel kann man hier hören. Es ist einfach erholsam still. Hört mal, wie still es hier ist!“ wendet sie sich an die neben ihr stehenden Leute. „Nichts ist zu hören!“ – Ich dachte verzweifelt „Stimmt nicht, ich wünschte, es wäre so ...!“ habe aber nichts gesagt, weil ich da inzwischen auch ganz brasilianisch geworden bin. Vor lauter schlechten Gefühlen in schöner, stiller – eigentlich schon, manchmal eher nicht – Umgebung trat ich dann in eine Furche, die offenbar ein Traktor auf dem Weg hinterlassen hat und stand bis zum Knöchel im Schlamm. Das ist jetzt meine Strafe für ungute Gefühle, dachte ich und fandete dann, als wir wieder zurück waren, zunächst nach einem Wasserhahn, unter dem ich meine Schuhe wieder sauber bekam, allerdings auch sehr nass. Letzteres ist aber nicht so schlimm, weil hier im Gegensatz zu Bombinhas alles sehr schnell trocknet. Die Luftfeuchtigkeit im Pantanal liegt derzeit bei 25%.

Mittags waren wir wieder in unserem neu entdeckten Restaurant. Allerdings nahmen wir jetzt auch die Nachteile war. Denn 1. dauerte das Mittagessen hier ganze 2 Stunden. Ein Kellner bediente 15 Leute, die zwar alle dasselbe aßen, jedoch in vornehmer Weise. Ich zählte nach, dass von den 15 Leuten 9 damit beschäftigt waren, in ihre Handys zu schauen, sogar Leute, die als Paare gekommen waren. Von den restlichen 6 waren die Hälfte Inha, Aurora und ich. Wir hatten keine Handys dabei. Aber war soll man auch machen in den vielen Zwischenzeiten zwischen den Gängen. Gut war das Essen aber auf jeden Fall, auch wenn Inha dann aus dem zweiten Grund, den es zu bemängeln gab, während des zweiten Hautgangs aufstand und ging. Es war nämlich die Klimaanlage so kalt eingestellt, dass wir begannen zu frieren. Das hat nun also Inha ziemlich genervt. Und da ihr das Kürbisgericht des zweiten Hauptganges nicht zusagte, verschwand sie und kam so um die hervorragende Nachspeise. Wegen der Länge und wegen der Kälte aber werden wir morgen auf das kulinarische Erlebnis verzichten und doch wieder in der Kantine essen, zumal das Essen dort auch nicht schlecht ist, halt eben nicht so edel wie in diesem Restaurant.

Bis 14 Uhr ging das Mittagessen. Danach war erst mal Mittagsschlaf angesagt, jedoch nur eine Stunde lang. Denn nach Auroras Auffassung sollten wir schon um 15 Uhr fertig sein für die nächste Tour. Das aber stellte sich als Irrtum raus, denn diese begann erst 15.30 Uhr, was den Mittagsschlaf auch nicht mehr verlängerte, da wir tatsächlich um 15 Uhr fertig waren. Und das war letztlich auch gut so, denn als wir uns an der Sammelstelle meldeten, waren wir fast die letzten dort. Inha war natürlich bereits seit einiger Zeit anwesend. Sie ist immer sehr pünktlich – noch pünktlicher als Aurora, und das will was heißen! So liefen wir gemeinsam zur Bootanlegestelle und verteilten uns auf zwei große, schnelle Motorboote. Los ging es flussaufwärts. Ziel war ein Nebenfluss, der in dem von SESC gekauften Gebiet liegt, das heute als Naturschutzzone ausgewiesen ist. Wir hatten diese Fahrt schon einmal gemacht, erinnerten wir uns. Ich habe nachgesehen. Es war am 9. und 10. April 2015, nachzulesen im Erlebnisbuch der Auswanderung, 2. Jahr. Von da her wussten wir auch schon, dass die Rückfahrt recht kühl werden würde, weswegen wir uns warme Kleidung eingepackt haben, was sich als sehr sinnvoll herausstellte. Wieder war es eine interessante Fahrt, auf der wir viele Vögel und Kaimane sahen und zuletzt mit einem wunderschönen Sonnenuntergang belohnt wurden. Mehr von den Inhalten sind in den Fotos zu sehen. Endlich waren wir also auch einmal auf dem Wasser unterwegs gewesen. Wie schön!

Um 18 Uhr waren wir dann zurück und konnten uns erst einmal aufwärmen, bis es dann um 19 Uhr Abendessen gab. Für morgen haben wir nichts geplant, keinen Ausflug, keine Besichtigung. Das liegt einmal daran, dass wir auch mal gerne schlafen möchten und dann auch daran, dass es keine weiteren Angebote mehr von hier gibt. Übermorgen werden wir dann nach Hause fahren. Aber bis dahin genießen wir noch die schöne Zeit, die Wärme, die netten Menschen, das Hotel und das ganze Pantanal in vollen Zügen.

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