27. Juni, Dienstag, Ruhetag

Wie ich schon gestern Abend anmerkte, ist heute nicht viel los. Da könnte man eigentlich länger schlafen, wenn nicht Aurora beschlossen hätte, dass man gerade an einem solchen Tag früh aufstehen sollte. Weiß der Kuckuck, woher sie das hat. Aber pünktlich um 6.40 Uhr trieb sie auch mich aus der Falle. Beim Frühstück waren wir dann die ersten beiden, wobei dann Inha auch dazu kam, sozusagen als dritte Frühstückende. Dieses Mal hatte also Aurora den schwesterlichen Wettbewerb gewonnen und Inha kam nach uns. Ich könnte aber eigentlich darauf gut verzichten.

Das Frühstück besteht hier vor allem aus Früchten. Da wartet ein ungezuckerter Fruchtsalat und auch Papayas in Schnitzeln auf uns. Süße Melone liegt daneben und dann noch eine Menge Zeug, das wir so am Morgen eher nicht essen wollen: fettige Wurst, noch fettigeren Käse, weißes Brot in rauen Mengen und etlichen Variationen, Gebratenes, Gesottenes, Gebackenes und Gekochtes. Was ein Mensch so alles zum Frühstück zu essen vermag, ist schon erstaunlich. Mir wird schon schlecht allein vom Hinschauen. Also schaue ich lieber weg und registriere das nur für mein Tagebuch. Der Kaffee allerdings ist ganz nach meinem Geschmack: schwarz und stark, ohne Zucker und Milch. Wunderbar.

Nach dem Frühstück also begann die Pause. Eigentlich würden wir gerne im Zimmer bleiben, jedoch wird es natürlich geputzt und fertig gemacht. Dieses SESC-Hotel hat offensichtlich einen kompetenten Direktor, der was davon versteht, wie man ein Hotel führt. Ich habe schon vorher darüber geschrieben. Wenn ich da an Petrópolis denke, wo die ganze Zeit kein feuchter Lappen weder die öffentliche Bereiche, noch die Zimmer gesehen hat und alles nach und nach im Dreck erstarrt, weil nur gefegt wird, ist das schon was anderes. Auch ist hier die Kundenzufriedenheit ein Wert, was wir in anderen SESC-Hotels so eher nicht fanden. Da war es wichtig, dass das Hotelmanagement zufrieden war. Und wenn ich an das Hotel in Rio denke, dann fällt mir ein, dass es dort in der winzigen Lobby nur 2 Aufzüge für ein großes Hotel gab, auf die man ewig warten musste. Da konnte sich ein kleines Mädchen nicht mehr halten und machte ein riesiges Bächlein vor den Aufzug. Niemand kam, um das zu beseitigen. Die Gäste, die das nicht wussten, traten rein, rollten ihre Koffer drüber und verteilten die Herrlichkeit in der ganzen Lobby. Niemand kam, um es zu beseitigen. So geht Hotel auch, aber nicht hier! Wir gingen also aus unserem Zimmer an den Pool. Dort war es schön leer, hatte aber den Nachteil der Beschallung. Die war zunächst recht dezent, jedoch begann dann eine Animateurin in ein Mikrophon zu brüllen, um sich über eine leistungsstarke Anlage mehr Geltung zu verschaffen. Das gelang ihr hervorragend, so dass Aurora und ich wieder fliehen mussten – dieses Mal zurück in unser Zimmer, das herrlich leise war und auch schon fertig geputzt.

Mittagessen gab es dieses Mal im Restaurant mit Selbstbedienung. Natürlich ging das sehr viel schneller, war aber auch nicht ganz so gut. Dafür haben wir heute Kaiman zu essen bekommen. Das war so wie Hähnchenflügel: ein Knöchelchen mit etwas Fleisch dran. Und geschmeckt hat es auch ungefähr so, wobei anzumerken ist, dass beides hier stark paniert und dann frittiert wird, was wahrscheinlich die Ähnlichkeit im Geschmack bewirkt.

Ich müsste lügen, wenn ich behaupten würde, am Nachmittag wäre viel los gewesen. War es nicht. Einem ausführlichen Mittagsschlaf folgte ein Lesen am Pool, bis uns der Lärm wegen einsetzender Musik samt Animation wieder vertrieb. Immerhin habe ich es geschafft, hier das sehr lesenswerte Buch von Jan Guillau fertig zu lesen: „Blå stärnan”. Das ist auf Schwedisch und allein schon die Sprache macht, dass ich mich richtig wohl fühle. Dem Inhalt nach handelt es sich um eine Art Abenteuerroman mit historischem Hintergrund, wobei die Handlung um eine junge Frau, selber Norwegerin mit halbdeutscher Abstammung, in der Zeit der Besatzung Norwegens eher an Karl Mays Abenteuer mit Old Shatterhand erinnerte. Die junge Frau namens Johanne ist einfach unglaublich tüchtig, ehrlich, gebildet, perfekt in Schwedisch, Norwegisch und Deutsch, aber auch in Englisch und allem anderem, was für den Roman wichtig ist. Sie leistet Unglaubliches, rettet unentwegt arme Menschen und opfert sich darüber in jeder Weise, ohne daran zu zerbrechen. Also eine wirkliche Heroin. Aber das ist eher zweitrangig. Wichtiger ist, was der Verfasser über den Widerstand in Norwegen, die Rolle Schwedens im 2. Weltkrieg und die Möglichkeiten des Hjemmefront, der norwegischen Widerstandsbewegung, aber auch über die kooperierenden Norweger um Quisling recherchiert hat. Dass nun gerade das Thema für mich hier im Pantanal sein sollte … Nun ja, es wartet ein weiteres, deutsches Buch auf mich, das teilweise im Pantanal handeln soll. Aber Aurora meinte, dass es sich um Trivialliteratur handele: John Grisham „Das Testament“. Darin gäbe es haufenweise Klischees – nordamerikanische Klischees eben. Grisham hat eben die Sicht eines Nordamerikaners. Aber ich werde mich in den nächsten Tagen mit diesem Roman befassen und weiß dann selber Bescheid. Dass ich darauf gekommen bin, liegt an einer Email einer netten Frau aus Frankfurt, die mir das Buch empfahl, als sie hörte, dass ich ins Pantanal fahren würde.

Unsere Zeit hier geht also dem Ende zu und wir werden morgen recht früh schon zum Flughafen nach Cuiabá gebracht. Morgen Abend sind wir dann schon wieder in der Kühle, in Bombinhas, daheim bei Chico und Susi.

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