24. Juni, Freitag, Rio: Das Zukunftsmuseum

Ein erster Blick aus dem Fenster heute am Morgen verhieß nichts Gutes, denn es war grau und trist, also typisches Wetter für jeden anderen Platz der Erde, nur nicht Rio. Immerhin war für heute ein sogenannter Faulenzertag angesagt. Das bedeutet, dass wir heute frei haben und machen können, was wir wollen. Ich dachte zunächst mal ans Ausschlafen. Das aber wurde durch zwei Umstände erschwert: 1. Der Brexit, den ich auf meinem iPad noch in der Nacht zur Kenntnis genommen hatte und der meine Gedanken bewegte. 2. Meine liebe Schwägerin Inha, die lange, bevor sie frühstücken geht, bereits Medikamente einnehmen muss. Das aber bewirkt, dass sie abends früh schlafen geht,  um spätestens 6 Uhr aufzustehen, um dann um 7 Uhr entschlossen an unsere Tür zu klopfen, ob wir nicht jetzt mit ihr frühstücken gehen wollten. Aurora sprang aus dem Bett und ins Bad. Ich verdaute weiter den Brexit. Aber bei dem Wetter würde es ja auch keinen Sinn machen, an die Copacabana zu laufen. Frühstück dann gegen 7.30 Uhr. Frühstück und Brexit verdauen. Aber siehe da, nach dem Frühstück klarte der Himmel auf und die Wolken wurden dünner. Die Sonne zeigte sich. Um 9 Uhr ging es dann los.
Zu Fuß schlenderten wir zunächst an den Strand der Copacabana. Copacabana ist ein Stadtteil von Rio mit 140.000 Einwohnern. Davon sind 2/3 Rentner. Die Wohnungspreise liegen hier sehr hoch, so dass wir uns keine Wohnung hier leisten könnten. Darum brauche ich darüber auch nicht nachzudenken. Wir liefen die Strandpromenade entlang vorbei an einer großen zeltähnlichen Halle, in der es den offiziellen Olympiaverkauf geben sollte. Der war jedoch noch geschlossen. Ein Taxifahrer sagte uns, dass sie erst um 9 Uhr auf machen. Dass ich mit einem Taxifahrer sprechen konnte, lag daran, dass wir nach enttäuschtem Kaufrausch ein Taxi nahmen, um uns ins Zukunftsmuseum (Museu do Amanhã) bringen zu lassen. Unterwegs fragte ich den betagten Taxifahrer, ob er Bombinhas kenne. Er verneinte, woraufhin er von mir eine Rede in Portugiesisch zu hören bekam über die Bildung in Rio. Denn schließlich bin ich gebildet und weiß, wo Rio liegt. Währenddessen ist er ungebildet und weiß nicht, wo Bombinhas ist. Ob er sich dessen nicht schäme. Er nahm das als einen Scherz (na ja, war es wohl auch!) und erzählte von seinen 3 Kindern. Die beiden Töchter seien Ärzte und der Sohn Offizier. Er selber wohne in Strandnähe an der Copacabana, sei pensioniert und mache das Taxifahren nur halbtags, damit er nicht einroste. Vielleicht war auch das nur ein Scherz. Nachprüfen kann ich das nicht.
Das Zukunftsmuseum ist ein postmoderner Bau am Hafen gelegen. Es liegt dort wie ein großes Ufo oder eine Flunder auf einer alten Anlegestelle. Wir waren gewarnt, dass es dort immer sehr voll sei und wir lange in der Schlange stehen müssten. Aber wir kamen kurz nach Öffnung, bevor der Ansturm eingesetzt hatte und waren ziemlich schnell drin in diesem extravaganten Bau. Was dort zu sehen war, gibt es sonst in keinem Museum. Es waren etliche audiovisuelle Installationen, die den Besucher anregen sollen, über sich und die Welt nachzudenken. Zu Beginn wurden wir in einen kugelförmigen Raum geführt, in dem uns ein Rundumkinovideo über die Geschichte des Universums vom Urknall bis heute in 7 Minuten gezeigt wurde. „Wir sind das Universum! Wir sind die Vielfalt! Wir sind die Natur! …“ kurz: Wir sind alles). Der Sound war ohrenbetäubend, die Bilder mächtig. Viele hatten sich auf bereit gelegte Kissen auf den Boden gelegt, um besser in die Kuppel sehen zu können. Es war in der Tat beeindruckend und wir fühlten uns wie im Raumschiff Enterprise. Nur war es dort wegen der Klimaanlage etwas kühl. Aber dafür waren die Gefühle warm. Nach dem Film folgten weitere Installationen mit unterschiedlichen Inhalten über die Beziehung zwischen Mensch und seiner Umwelt, der Natur, dem Universum, der eigenen Kultur, seiner eigenen molekularen Struktur und dem von ihm hervorgerufenen anthroponzänen Erdzeitalters. Die letzte Installation war noch ein Meditationsraum mit meditativer Musik und einem warmen Farbenbad, die zu einem Eintauchen in sich selber einluden. Interessant waren auch die schwebenden Tücher. Am besten ist, sich selber die Fotos anzuschauen, die ich heute gemacht habe. Je länger wir im Museum blieben, desto voller wurde es. In der Eingangshalle, die wir noch ziemlich für uns alleine hatten, bildeten sich lange Schlangen.
Als wir das Museum verließen, war es noch vor Mittag und wir legten nun einen Spaziergang zunächst noch einmal um den extravaganten Bau herum und dann in Richtung zur U-Bahn, die hier Metro heißt. Mit der Metro fuhren wir nun 8 Stationen, bis wir wieder zurück an der Copacabana waren. Denn hier wollten wir essen und dann auch noch ein wenig einkaufen. Jetzt bin ich dadurch stolzer Besitzer zweier neuer T-Shirts in Schwarz von der Copacabana. Ist das nicht ein schönes Statussymbol? Übrigens waren wir noch einmal bei der offiziellen Verkaufshalle, die vormittags geschlossen war. Jetzt war sie zwar belebt, jedoch hing draußen ein Schild, dass sie erst am 1. Juli ihre Pforten öffnet. Dann sind wir aber schon wieder zurück in Bombinhas. Also werden wir wohl keine Olympia-Shirts kaufen können, was mich daran erinnert, dass wir doch die neuen Sportstätten besuchen wollten. Das aber haben wir uns ausreden lassen, denn man erzählte uns, dass die Baustellen noch immer ziemlich weiträumig abgesperrt seien und für Besucher nicht zugänglich. Man könne zwar hin fahren, jedoch sei die Anfahrt sehr weit und lohne sich nicht. Selbst der eingestürzte Radweg ist noch gesperrt und nicht fertig repariert worden. So begnügten wir uns damit, dass wir an der Copacabana das riesige Stahlgerüst sahen, das die Arena für die Beachvolleyballspiele bilden wird. Von Olympiafieber aber ist in Rio ansonsten wenig zu spüren. Vor dem Zukunftsmuseum war eine große Inschrift „Cidade olimpica“. Ich habe das für einen Hinweis auf das olympische Dorf verstanden, aber das war wohl ein Missverständnis, denn von Wohnungen war da nichts zu sehen. Aurora meinte daraufhin, dass damit wohl einfach nur Rio gemeint sei, die Stadt der olympischen Spiele.
Um 14.30 Uhr waren wir dann glücklich wieder im Hotel, jedoch wollte Aurora nach einer Ruhepause noch einmal nach weiteren Sachen schauen, die man hier erstehen könnte. Für sie war nämlich heute noch kein T-Shirt dabei gewesen, weil sie die Teile nicht mochte. Also zogen wir in noch ein weiteres, uns empfohlenes Geschäft, wo wir ebenfalls nicht fündig wurden. Somit begnügten wir uns mit einer Promenade am Strand der Copacabana. So gegen Spätnachmittag waren viele Menschen unterwegs. Sandstatuen waren aufgebaut und konnten gegen einen Obolus fotografiert werden. Fliegende Händler umschwirrten uns – woher sahen die, dass wir Touristen waren? Einige Freaks hatten sich verkleidet, andere führten Kunststückchen auf. Es war also ein anregendes, angenehmes Sein da in der Abendsonne am Strand. Meine Kamera war im Hotel geblieben, so dass ich das Nachlaufen dieser Stunden der Gelassenheit am Strand der Copacabana der Phantasie der Lesenden überlassen möchte. Aber ich könnte mir vorstellen, dass es ähnlich ist wie an anderen Touristenorten mit breiter Strandpromenade.
Noch ein Wort zu den Olympiasouvenirs. Die gibt es hier und da in den Geschäften schon zu kaufen, jedoch kostet ein T-Shirt von Olympia, das normalerweise für 20 Reais zu haben wäre, über 60 Reais, weil selbst das olympische Komitee daran mitverdienen will. Ende August nach den Olympischen Spielen ist es dann auch nur noch 20 Reais wert. Also warten wir lieber, bis die Spiele vorbei sind.

Noch eine kleine Bemerkung in eigener Sache: Aurora und ich haben heute unseren 7. Hochzeitstag. Welch eine gute Wahl haben wir damals getroffen und wie glücklich sind wir jetzt miteinander. Gut, dass es uns als Paar gibt!

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