25. Juni, Samstag, Rio: Auf dem Zuckerhut

Es ist gerade früher Abend und ich bin vor wenigen Augenblicken aufgewacht. Kaum zu glauben, wie gut ich geschlafen habe, denn Aurora ist eine Weile schon zurück und wurstelt vor sich hin im Zimmer meiner Träume. Wie konnte ich nur so müde werden? – Es liegt wohl an dem Programm heute mit seinen schönen Eindrücken, denn sozusagen als krönender Abschluss des Riobesuches sollte es auf den Zuckerhut gehen. Es ließ sich auch gut an, denn das Wetter war hervorragend. Die Sonne schien heute früh und es war auch recht angenehm warm.
Aufbruch gegen 9 Uhr, nachdem wir auch die letzte Person unserer Gruppe vom Frühstückstisch geholt hatten. Sie hatte sich irgendwie mächtig verspätet und so warteten alle im Bus, bis auch sie eintraf. Dann aber ging es los. Der Bus fuhr zunächst wieder an der Strandstraße der Copacabana entlang, bog dann links ab durch einen großen, mehrröhrigen Tunnel durch einen der vielen Berge Rios hindurch auf die Seite von Ipanema, fuhr dann weiter zurück an den Strand bis auf einen kleinen Platz, auf dem wir alle raus gelassen wurden. Links türmte sich der Morro da Urca, auf dessen Spitze die erste Seilbahn auf den Zuckerhut endet, rechts ein weiterer Berg, den wir gerade durch den Tunnel unterquert hatten. Schroff und steil und wie aus einem Guss ragte er aus dem Boden nach oben. Unten befand sich die Talstation der Gondel-Seilbahn, mit der die Fahrt auf den Zuckerhut absolviert werden sollte. Spannend war, dass wir an dem schroffen Felsen einige Gruppen von Alpinisten sahen, die sich dort hoch seilten. Sie sahen aus wie kleine Zwerge, die am Felsen klebten. Einige waren schon fast oben, andere noch weit unten. Einer versuchte es alleine und ganz unten wartete eine Gruppe auf den Aufstieg. Es war wohl eine Kletterschule. Aber wo in aller Welt gibt es alpinistisches Klettern mitten in einer Millionenstadt? Rio hat mehr Einwohner als Berlin, aber in den Stadtgrenzen gibt es Nationalparks, bewaldete Berge und eben auch steile Felsen, an denen man das Klettern lernen und üben kann.
Unser Guide kaufte die Tickets für die Bahn. Selbst wir „alten Krüstchen“, wie uns Aurora immer wieder selber bezeichnet, hätten dafür 38 Reais zahlen müssen. Wir erfuhren, dass die Gondelbahn 1912 von den Deutschen gebaut worden war. In neuerer Zeit wurde sie dann modernisiert und von einem Schweizer Produkt ersetzt. Nur die Maschinerie der ersten, deutschen Anlage war noch teils in den Bergen, teils in einem Museumsraum zu sehen: mächtige Räder und Zahnradwerke, Spulen und Seile. 60 Menschen passen in eine Gondel hinein, denn hier gab es keine Sitzplätze. Dafür geht die Fahrt sehr schnell. Kaum ist man eingestiegen und losgefahren, ist man auch schon da, wo man hin will. Es gibt keine Stützpfeiler für die Seile der Gondelbahn, weil das gar nicht möglich ist. Zwischen den Stationen ist einfach ein tiefes Tal. Auf diese Weise erklärt sich von selber, warum die Gondelbahn nicht gleich auf den Zuckerhut geht, sondern über die Station des Morro da Urca, der dem Zuckerhut vorgelagert ist. Der Weg bis ganz nach oben ist einfach zu weit, um ihn ohne Stützen überwinden zu können. Auf der Spitze dieses Berges ging es über einen kleinen Urwaldsteg zur Talstation der Bahn, die sich rüber zum Zuckerhut schwingt. Einsteigen, losfahren und gleich auch wieder ankommen nach einer kurzen, atemberaubenden Fahrt. Aurora und ich waren schon vor 13 Jahren hier oben gewesen und hatten die Aussicht genossen. Ohne Zweifel hatten wir damals eine bessere Aussicht, weil das Wetter klarer war. Jetzt lag ein wolkiger Schleier über der Stadt. Aber immerhin konnten wir die Stadt sehen, was uns ja oben auf dem Corcovado nicht vergönnt gewesen war. Dafür hatte man in den zurückliegenden Jahren die Bergstation auf dem Zuckerhut ausgebaut und viele Wanderwege angelegt. Die Natur drum herum war ausgesprochen üppig und es gab wunderschöne Wege durch eine Pflanzenvielfalt, hinter der die atemberaubende Aussicht auf Stadt, Meer und Berge zu sehen war. Diese Wege verbanden die vielen neuen Aussichtsplattformen miteinander, auf denen sich die vielen Menschen verliefen. Auf der einen Seite lag die Copacabana mit den beiden zeitbegrenzten Bauten, der zeltähnlichen Halle für den Verkauf von Olympiasouvenirs und dem Stadion für Beachvolleyball, auf der anderen Seite der Blick auf den Flughafen, auf dem wir angekommen waren, Santos Dumont. Wir sahen, wie ein Flugzeug ankam, sich unter uns in einer großen Linkskurve der Landebahn näherte, um dann dort aufzusetzen. Später erfuhren wir, dass man den Flughafen auf einem Land gebaut hat, das dort aufgeschüttet worden war, nachdem man in Strandnähe einen ganzen Berg mit Wasser abgespült und dorthin gebracht hat. Die Bilder, die ich heute gemacht habe, können ein wenig den Eindruck vermitteln, den wir heute bekamen. Die Zeit, die uns dort gegeben wurde, verging wie im Flug und es ging wieder runter zunächst auf den Morro da Urca. Hier beobachtete ich eine kleine Gruppe von Bergsteigern, die gerade genau an der Stelle, an der ich stand, hoch geklettert kam. Sie schwangen sich neben mir über das Geländer und standen nun neben mir, so dass ich sie sanft darauf hinweisen konnte, dass es hier eine Gondelbahn gäbe, mit der man sehr viel ungefährlicher, bequemer und auch nicht für sehr viel Geld hoch fahren könne. Ich habe das auch gemacht und könne es nur empfehlen. Da meinten sie, dass die Gondelbahn viel gefährlicher sei als ihre Methode. Aber das ist ja wohl Vertrauenssache, denn ich vertraue da doch lieber der Gondelbahn als den Haken und Seilen, die sie mit sich trugen. Zugeben mussten sie allerdings, dass meine Methode, dorthin zu gelangen, viel bequemer ist als ihre Methode. Vielleicht überlegen sie es sich darum das nächste Mal, wenn sie dorthin wollen.
Wieder unten angekommen stiegen wir für eine Stadtrundfahrt in den Bus. Jetzt ging es durch das historische Zentrum von Rio mit den alten, geschichtlich wichtigen Gebäuden, Plätzen und Punkten. Immer wieder kamen erstaunte Ausrufe: „Ach, hier war das!“, begleitet von einer Geschichte, die ich weder kannte noch als sonderlich wichtig empfand, die aber offenbar jeder Brasilianer kennt so wie wir z.B. die Orte um Martin Luther herum. Wir sahen die alten Regierungsgebäude  Rio war immerhin bis 1960 Hauptstadt Brasiliens – alte Paläste, den ehemaligen Sklavenmarkt, der als solcher heute nicht mehr gebraucht wird. Immerhin standen hier aber noch die Pfeiler, an denen die Sklaven angebunden wurden. Mehr als 1 Million Schwarzer ist über diesen Platz in Brasilien eingereist. Wie viele unterwegs gestorben sind, weiß man nicht. Nur die gesundesten haben den Transport überlebt. Weiter ging es vorbei an der Kathedrale, einem modernen Bau, den wir vor 13 Jahren schon besucht hatten, vorbei an dem bekannten Viadukt, über den eine kleine Straßenbahn fährt. Auffällig ist, wie grün die Stadt ist – im Gegensatz zu São Paulo, wo man alles zubetoniert hat. Die vielen Pflanzen und Bäume machen Rio de Janeiro zu einer wirklich schönen Stadt, naturnah und angenehm, selbst wenn hier die Kriminalitätsrate sehr hoch ist. Trotz der prekären Lage zwischen den vielen steilen Bergen hört man hier von keinen Überschwemmungen. Sicher liegt das daran, dass es hier das viele Grün gibt. Die Bäume saugen das Wasser auf und stoppen Überschwemmungen. Wie vernünftig und gut hat man hier gehandelt. Das ist wirklich beeindruckend und weitsichtig.
Weiter ging es in eine Churrascaria zum Mittagessen und dann zurück ins Hotel, wo wir gegen 15 Uhr ankamen. Aurora und Inha sind noch einmal losgezogen, aber ich hatte das dringende Bedürfnis, an meiner Matratze zu horchen, was ich dann auch tat. Viel gehört habe ich dabei nicht, weil ich dazu gar nicht kam. Denn kaum lag ich, war ich auch schon im Reich der Träume, aus dem ich gerade erst erwacht bin. Und jetzt ist es dunkel draußen und Aurora hat geduscht. Ich glaube kaum, dass heute noch etwas anderes gemacht wird außer weiterem Verdauen von Brexit und vielleicht dem Anschauen eines Filmes.

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