25. Juni, Sonntag, Auf nach Petrópolis

Quartierwechsel ist mit Ruhe verbunden, besonders wenn die Quartiere nicht so weit auseinander liegen. Der Morgen war frei. Erst um 11 Uhr sollten wir uns sammeln. Aber man kann sich vorstellen, dass auch heute pünktlich um 7 Uhr Inha kam, an die Tür klopfte und uns zum Frühstücken aufforderte. Und wir waren auch wirklich schon fertig, so gut dressiert sind wir schon. Also frühstückten wir und gingen dann wieder auf unser Zimmer, um Frühstück und Brexit zu verdauen. Aurora las in ihrer Zeitung und ich schlief noch eine Runde. Gegen 10.30 Uhr gingen wir dann runter und setzten uns gemütlich in die Warteecke dem Aufzug gegenüber. Da kam eine junge Familie mit einer 2-jährigen Tochter. Während sie dort auf den Aufzug warteten, begannen plötzlich 2 kleine Bächlein aus je einem Hosenbein der Kleinen zu laufen. Und sie liefen und liefen. Die Leute sahen das und lachten. Das Mädchen schaute etwas verlegen und die Eltern hilflos. So entstand ein kleiner See direkt vor den Aufzügen und die Menschen kamen und gingen und die ganze Lobby wurde nass und dreckig. Niemand kam zum Aufputzen. Ich trug unser Gepäck in Hüpfern um die feuchten Spuren herum nach draußen.
Um 11 Uhr waren aber alle pünktlich anwesend, taten ihre Sachen in den Bus und dann gingen wir gemeinsam zum Essen in eine nahe gelegene Churrascaria. Das Schöne bei dieser Reise ist, dass fast alle Malzeiten im Preis inbegriffen sind. Diese Mahlzeit sollte die letzte in Rio sein. Deswegen hatte sich Aurora für die Gruppe überlegt, unserem Guide Bruno, der uns so gut durch Rio begleitet hatte, eine Flasche Wein zu schenken. Die wurde ihm bei der Gelegenheit feierlich von Aurora überreicht. Die Fotos von heute zeigen das - und noch weitere Eindrücke von heute.
Nach dem Essen erfolgte noch eine Rundfahrt mit einem Stopp am Sambodrom. Diese Arena wurde einstmals von Oscar Niemeyer entworfen, ist aber architektonisch nichts Besonderes. Es stehen sich einfach 2 lange Tribünen mit Sitzen gegenüber. In der Mitte ist eine breite Straße und an einem Ende ein großer Bogen, hinter dem eine Favela zu sehen ist. Das aber ist wohl eher Zufall. Nach der anderen Seite ist das Sambodrom offen, so dass man mit Wagen rein fahren kann. Sinn dieser Einrichtung ist, den Sambaschulen eine Arena zu geben, in der sie an jedem Karneval ihre Spektakel mit ihren Umzügen machen können. In Deutschland kennt man das Sambodrom aus dem Fernsehen, wo es alljährlich wenigstens in den Nachrichten gezeigt wird. Demnächst wird es auch als Zieleinlauf für den Marathonlauf der Olympischen Spiele genutzt. Wir fuhren also mit dem Bus rein und gingen in ein paar kleine Shops mit Andenken an den Karneval. Hier kann man sich auch karnevalsmäßig verkleiden und fotografieren lassen. Davon haben wir allerdings abgesehen, zumal wenigstens mich die ziemlich laute, eintönige Karnevalsmusik, wie sie in Rio üblich ist, nervte. Also stiegen wir alle wieder in den Bus und fuhren weiter zum nächsten Stopp, dem Maracanã-Stadion. Hier waren Aurora und ich schon vor 13 Jahren gewesen. Wiedererkannt haben wir es nicht. Von außen hat es sich total verändert. Neue Eingänge sind gebaut worden, damit hier bei der Fußballweltmeisterschaft Deutschland Weltmeister werden konnte. Und während wir davor standen und den neuen Eingang bewunderten – rein gehen ging nicht, weil dort alles für die Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele vorbereitet wird, spielte in der Europameisterschaft Deutschland im Achtelfinale gegen die Slowakei und schoss gerade sein erstes Tor. Es sollten bekanntlich noch weitere 2 folgen. Einer unserer Guides hat das Spiel auf seinem Handy verfolgt und mich informiert.
Früher war das Maracanã-Stadion das größte der Welt. So hatten wir es vor 13 Jahren noch gesehen. Danach wurde es modernisiert und stark verkleinert. Heute spielt es unter den großen Stadien eher eine mittlere Rolle. Aber es ist enorm repräsentativ und quasi das Nationalstadion Brasiliens.
Nach diesem Besuch ging es weiter ohne Aufenthalt in Richtung Petrópolis. Zunächst weiter durch die Stadt, dann eine Weile auf der breiten Autobahn durch die Ebene. Wieder bin ich eingeschlafen – wieso brauche ich hier so viel Schlaf? Dabei merkte ich, wie ich immer wieder hin und her geschaukelt wurde, ohne dass ich den Grund dafür wahrnahm. Der war nämlich der, dass wir in die Berge gekommen sind und etliche Serpentinen bewältigten. Ich sah nichts, merkte nur das Schütteln. Als ich dann aufwachte, waren wir schon in den Bergen. Die Sonne war verschwunden und Nebelfelder waberten um uns herum. Es war kühl geworden. Nun ist Petrópolis bekannt dafür, dass es ein kühles Klima hat. Aurora hat deswegen ja auch viele warme Kleider eingepackt. Kurze Zeit später kamen wir dann in der Stadt an. Dabei stellte sich heraus, dass die Stadt selber ziemlich zerstückelt ist. Wie Kraichtal aus vielen kleinen Orten besteht, besteht auch Petrópolis aus vielen Ortsteilen, die recht weit auseinander liegen. Vom Ortseingang bis zu unserem Hotel waren es noch 20 km. Dafür liegt das Hotel umgeben von herrlichen Bergen. Vor dem Haupteingang ist ein großer Swimmingpool. Die Anlage ist gepflegt, die Zimmer sind enorm groß. Nur gibt es keinen Aufzug, so dass wir unser Gepäck in den 2., Inha sogar in den 3. Stock tragen mussten. Aber das Treppenlaufen hält bekanntlich jung.
Als ich dann auspackte, stellte ich fest, dass mein Portemonnaie weg war. Aufregung und Suchen. Kein Erfolg. Also dachte ich mit erhellender Logik nach und kam zu dem Schluss, dass es mir wohl im Bus beim Schlafen aus der Hosentasche gerutscht war. Wir gingen zu unserem Gruppenleiter, der auch gleich mit dem Busfahrer sprach und richtig: es lag noch im Bus und war nun auf dem Weg zurück nach Rio. Der Busfahrer versprach, es mit der Post schnellstmöglich zu schicken. So hat sich die Aufregung, die bei den Mitreisenden Mitleid erweckte, aufgelöst. Ich kann jetzt zwar kein Geld ausgeben, aber das ist ja auch nicht so schlimm. Viel schlimmer wäre gewesen, wenn ich wieder einmal meine Kreditkarte hätte sperren lassen und – noch viel schlimmer – meinen brasilianischen Führerschein hätte erneuern müssen. Das also bleibt mir erspart. Und einen Trost hatte ich außerdem, denn Aurora hat unser Schampoo und Duschgel in Rio vergessen. Wir sind eben zwei alte Krusten auf Reisen. Die vergessen oder verlieren schon mal Sachen.
Nachdem wir dann auch noch festgestellt hatten, dass das Internet derzeit im ganzen Hotel nicht funktioniert, haben wir beschlossen, einen kleinen Rundgang durch die Anlagen zu machen. Dabei stellte ich fest, dass das Wasser im Pool nicht geheizt war. Das wiederum erfreute mich derart, dass ich meine Badehose anzog und mutig ins Wasser ging. Puh, war das kalt! Ich vermute, dass es nicht mehr als 18° hatte und ich musste mich ziemlich viel bewegen, um einigermaßen warm zu bleiben. Ich gebe hier im Erlebnisbuch das zu, was ich vor den herumstehenden Menschen nie zugeben würde: Es war schweinekalt und auch für mich viel zu kalt zum Schwimmen. Aber ich konnte protzen und angeben: „Na, ihr Feiglinge? Keine Lust auf eine kleine Schwimmrunde?“ sagte ich mit blauen Lippen. Nein, keiner hatte Lust. Aber bewundert haben mich alle. Wenigstens das!
Abendessen als erste Mahlzeit im neuen Hotel. Das Essen scheint hier richtig gut zu sein. Danach gingen Aurora und ich ins Bett, denn dass wir bis 20.30 Uhr auf bleiben würden, kann man von uns nicht erwarten. Aber erst um 20.30 Uhr beginnt das Abendprogramm im Hotel: Theater. Schade ist es nicht, denn ich kann mir nicht vorstellen, dass ich das Dargebotene verstehen würde. So wenigstens tröstete mich Aurora über den entgangenen Kulturgenuss.

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