27. Juni, Montag, Erlebnisse am freien Tag

Zunächst muss ich mich beklagen, denn es gibt hier so gut wie kein Internet. Heute früh sei es angeblich repariert, jedoch funktioniert es noch immer sehr schlecht. Also kann ich die Berichte nicht online stellen, sondern muss wohl warten, bis wir wieder daheim in Bombinhas sind, um dann alles auf einmal ins Netz zu bringen. Auch fällt es schwer, die täglichen Nachrichten zur Kenntnis zu nehmen. Aurora gelingt es nicht, ihre Tageszeitung herunter zu laden. Außerdem ist noch auf Grund eines besonderen Filters meine Seite gesperrt, so dass ich sie nicht aufrufen kann. Gut ist immerhin, dass noch heute mein Portemonnaie und ich vereint werden sollen. Das kostet zwar eine Kleinigkeit, aber es ist so am zuverlässigsten und besten.

Wieder ist ein Ruhetag angesagt, jedoch nicht ganz so wie in Rio. Denn hier rund um das Hotel gibt es so gut wie nichts außer Natur. Folglich ist auch kulturell nicht so viel zu erleben wie in Rio. Das Sesc-Hotel bietet darum ein Programm für seine Gäste an. Folglich traf sich eine Gruppe von Hotelgästen gegen 9 Uhr zu einem geführten Spaziergang. Die Sonne schien von einem tiefblauen Himmel. Welch ein herrliches Wetter. In der Sonne war es warm und im Schatten kühl. So kenne ich das auch vom Winter in Bombinhas.
Es wurde eine kleine Wanderung den Berg hoch zu einem Aussichtspunkt über die Bergwelt und einzelne Stadtteile von Petrópolis. Rechts vom Weg lagen in Hanglage zunächst große Grundstücke mit Häusern drauf. Die Gärten um die Häuser, die oft hoch über dem Weg lagen, waren sehr gepflegt und einnerten mich eher an die Gärten, die ich in Südafrika gesehen hatte als an Gärten in Bombinhas. Links vom Weg ging es recht steil nach unten. Der Hang war vor allem mit Zimmerlinden und mit Bambus bepflanzt. Hinter dem dichten Grün schimmerten die Berge, die hier eher steil, aber nicht felsig sind. Sie ähneln eher dem Schwarzwald als z.B. dem Kraichgau mit seinen sanften Hügeln. Am besten schaue man es sich selber in den Bildern des Tages an. Der Weg ging also aufwärts bis zu dem Aussichtspunkt, von dem aus man das Tal und die gegenüber liegenden Bergen, den Orgelbergen, weil sie von unten aussehen wie eine riesige Orgel. So jedenfalls behauptete es unser Guide. Wir waren so ungefähr 1 ½ Stunden unterwegs und es hat sich gelohnt.
Das Mittagessen musste eilig eingenommen werden, weil wir privat für die Gruppe einen Kleinbus organisiert hatten, mit dem wir alle gemeinsam in die Innenstadt nach Petrópolis fahren wollten. In diesen Bus gehen 14 Personen rein. Wir sind 21. Kein Problem: Die Kinder kommen auf den Schoß, einige sitzen auf dem Boden und der Fahrer hat auch nichts dagegen. Mehr als 20 km mussten wir bis zum Zentrum fahren. Und hier revidierte ich erst einmal mein Urteil über Petrópolis, als ich es ausgerechnet mit Kraichtal verglichen hatte. Nein. Dieser Vergleich stimmt nicht, denn die eigentliche Stadt ist ziemlich groß und macht auch einen sehr großstädtischen Eindruck. Insofern kann man es eher mit Frankfurt und seinen dörflichen Vororten vergleichen. Es gibt historische Gebäude und Sehenswürdigkeiten, Museen und mitten drin zurzeit das sogenannte Bauernfest, das auf Portugiesisch „Bauernfest“ heißt. Wir näherten uns dem Gelände des Festes und mir rutschte der laute Ruf raus: „Nossa! Überall unsere Fahne, selbst die Mülltonnen sind in Schwarz-Rot-Gold gekleidet.“ Ohne Zweifel ähnelt das Bauernfest dem Oktoberfest in Blumenau, wobei es hier wohl keinen Umzug gibt wie dort, wohl aber die Ausstattung in Schwarz-Rot-Gold. Dafür wird hier abends auch vor allem Bier gesoffen. Ob es dazu auch bayerische Musik gibt, weiß  ich nicht. Die Häuser jedenfalls waren nicht besonders bayerisch. Es gab auch keine Krachledernen und nachgemachte Dirndl. Wie dem auch sei werden wir uns eher draußen vor halten.
Im historischen Zentrum blieben wir lediglich 1 Stunde. Das war auch deswegen möglich, weil alle Museen wie überall auf der Welt montags geschlossen sind. In der Zeit sahen wir uns die große Blumenuhr vor der katholischen Universität an, gingen weiter zum Haus des ersten brasilianischen Fliegers Santos Dumont, nach dem der Innenstadtflughafen von Rio benannt ist. Vergeblich suchte ich nach dem Haus von Stefan Zweig, in dem er 1942 Selbstmord gemacht hatte, nachdem er hier eine Zeit im Exil gelebt hatte. Es soll aber auch dort in der Nähe liegen. Stattdessen musste ich los laufen, um eine Bank zu finden, in der wir Geld abheben konnten, weil wir wegen des Fehlens meines Portemonnaies kein Bargeld mehr haben. Es gelang uns, wir fanden eine Bradesco und standen zwei Minuten später wieder mit 800 Reais in der Hand da. Dafür mussten wir zurück rennen, um es noch zu schaffen. Leider folgte dann etwas sehr Unerwartetes. Der Fahrer brachte uns auf Wunsch der Majorität der Gruppe an eine Einkaufsstraße, weil die meisten der Leute eben jenes machen wollten: einkaufen. 2 Stunden wurden uns gegeben – 2 Stunden gähnende Langeweile, denn wir hatten absolut keine Lust, uns dem Kaufrausch hinzugeben. Die Straße war aber auch wirklich trist. Die meisten Läden waren sehr klein und hatten Damenmoden. Jedes 10 Geschäft hatte Herrenausstattung und jedes 20. Geschäft Kinderkleidung. Jeder 50. Laden war kein Laden, sondern ein Café. In einem suchten wir Zuflucht und verbrachten dort immerhin 30 Minuten. Hinterher habe ich gehört, dass es sich bei all den Geschäften um selbstanfertigende Läden handelt. Die Geschäftsbesitzer haben Näherinnen angestellt, die für sie Kleider nach ihren Vorgaben nähen. Kein Laden war einer großen Kette angeschlossen. Insofern war die Straße doch interessant, nur eben nicht für uns, die wir keine Kleidung kaufen wollten. Es wurde schon fast dunkel, als wir dann Richtung Hotel zurück fuhren. Unterwegs machten wir noch einen kleinen Stopp an einem Supermarkt, wo ich noch ein Bierchen und ein Duschgel kaufen konnte. Im Bus selber herrschte gelöste Stimmung. Es wurde viel geredet und gelacht. Besprochen wurde auch, dass man morgen Abend zum Bauernfest fahren möchte. Aber etwas ist sicher: Wir werden nicht mitfahren. Nach einem solchen Tag sind wir einfach erledigt und brauchen die Ruhe und unser Bett. Schließlich sind wir alte Krusten.

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