28. Juni, Dienstag, Nogueira und Quintandinha

Seltsamer Weise muss ich mich ständig korrigieren, weil meine Eindrücke sich als falsche Vorurteile erweisen. So auch jetzt. Ich muss mich korrigieren, denn das Bauernfest, das auf Portugiesisch „Bauernfest“ heißt, ist genauso wie in Blumenau. Da spielen Bands Rumtata-Musik. Es gibt einen Umzug und Krachlederne und Dirndl usw. Nichts außer der Dauer des Festes, das in Blumenau immerhin 3 Wochen lang heute früh einen weiteren Spaziergang gemacht haben. Nur ging es dieses Mal nicht in die Natur, sondern in das Dorf, zu dem auch das Hotel gehört. Dieses Dorf, ein Stadtteil von Petrópolis, heißt Nogueira. Zunächst gingen wir vor allem bergab an Häusern vorbei, dann ging es an einem Bächlein entlang, einem kleinen See bis wir schließlich in der Ortsmitte von Nogueira an eine Bahnstation gelangten. Am Bahnhofsgebäude stand der Name des Ortes und am Gleis wartete eine uralte Lokomotive. Das Schlechte dabei war allerdings, dass das Gleis lediglich 20 Meter lang war und davor und danach im Nichts endete. Man konnte höchstens noch ahnen, dass es einmal länger gewesen war und wahrscheinlich die Stadtmitte mit dem Ort Nogueira verbunden hat. Das aber muss schon lange her sein. Das Bahnhofsgebäude war nun eine Art Museum, in den u.a. auch Werbung für das Bauernfest gemacht wurde. Und bei dieser Gelegenheit haben wir ein Programm des Festes erhalten, aus dem hervorging, um was es sich dabei in Wirklichkeit handelt, nämlich ein abgespecktes Oktoberfest von Blumenau mit allem, was dazu gehört. Da gibt es sogar einen Vortrag über die deutsche Küche, in dem wohl vermittelt wird, dass wir in Deutschland ständig Weißkraut mit Schweinshaxen essen und nebenbei auch noch Mengen von Kasslern verdrücken. Wahrscheinlich wird auch auf dem Umzug aus „Zicke-Zacke, Zicke-Zacke, hoi, hoi, hoi!“ ein „Siggi-Saggi, Siggi-Saggi, oi, oi, oi!“ was einem Portugiesisch so sympathisch macht.
Kurz vor 11 Uhr waren wir dann zurück. Unser Guide hatte uns angekündigt, dass wir die große Freude hätten, heute Nachmittag auf dem Ausflug einen 2 ½ stündigen Aufenthalt auf der Teresienstraße haben würden, der gleichen Straße wie gestern, als wir uns zu Tode gelangweilt haben. Das hat mich in unglaubliche Aufregung versetzt: Überall hin, nur nicht dorthin! Mit geschwollenem Kamm und kampfbereit kam ich also nach dem Mittagessen pünktlich um 12.45 Uhr an den Bus. Dort wurde ich wohl angehört, aber dann kam fröhlich der Reiseleiter und drückte mir ein kleines Päckchen in die Hand: mein Portemonnaie! Was zusammen gehört, muss vereint werden. So hat es einstmals in der jüngeren Geschichte geheißen, so heißt es auch jetzt. Gott sei Dank! Also beruhigte ich mich und fuhr fröhlich mit dem Bus los. Ziel war Quintandinha. Quintandinha? Das ist ein mächtig großes Haus. Ich hatte es früher für den Palast des brasilianischen Kaisers Pedro II. gehalten. Aber auch das war ein Irrtum. Es handelt sich um ein Projekt, das ein gewisser Joaquim anpackte und mit dem er sich seinen Traum erfüllte. Er kaufte in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts eine Farm namens Quintandinha auf und baute dort während des Krieges eine riesige Anlage. Protzig ist sie, aber nichts im Vergleich zu den Naziprotzbauten. Und sowas zu errichten, ist allemal sinnvoller, als Krieg zu führen. Gedacht war an eine Spielhalle mit angeschlossenem Hotel, Theater, Bars, Restaurants, Freizeitmöglichkeiten und was es sonst noch an Konkurrenz zu Las Vegas geben könnte. Das Projekt fiel richtig groß aus. Es wurde eingeweiht, aber nur zwei Jahre nach seiner Fertigstellung wurde das Casinospielen in Brasilien verboten und der Mann wurde nicht mehr besonders glücklich. Heute nun hat Sesc das Gebäude gekauft, bzw. das Hotel wurde zu Wohnungen umgebaut und weiter an neue Eigentümer verkauft, die jetzt dort leben. Unten aber im Erdgeschoss gibt es weiterhin die enormen Räume. Schade nur, dass sie heute so wenig genutzt werden können, denn das Haus liegt recht weit draußen. Da geht man spontan nicht ins Theater. Sesc macht dort wohl einige Kurse und kulturelle Programme. Die Bilder davon kann man sich gerne anschauen.
Mehr als eine Stunde waren wir dort und fuhren dann – man glaubt es kaum – wieder in die Straße der Langeweile. Dieses Mal waren wir aber besser darauf vorbereitet und der Bus hielt auch ganz am Ende der Straße, wo es mehrere Cafés und sogar eine Eisdiele gab. Hier hielten wir uns auf, hier tranken wir Kaffee und hier aßen wir ein Eis, auch wenn die Temperaturen nicht so besonders hoch lagen. Überhaupt war heute bei weitem nicht so schöner blauer Himmel wie gestern. Geblieben sind wir auch deswegen, weil wir morgen Nachmittag genau die Stellen aufsuchen werden, die wir heute alternativ besucht hätten. Darum wäre es unnötig gewesen, sich jetzt dahin aufzumachen.
Es war schon dunkel, als wir zurück kamen. Einige der Gruppe sind dort geblieben, weil sie zum Bauernfest gehen wollten. Ich aber schlief schon im Bus ein und bin jetzt nach dem Abendessen wieder soweit munter, um diesen Tagesbericht zu schreiben und die Bilder fertig zu machen.

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