29. Juni, Mittwoch, Petrópolis

Den offiziellen, vom Hotel geführten Spaziergang heute früh mussten wir uns leider verkneifen, denn er war einfach zu lang. 7 km bergauf und bergab würde es gehen. Gerne wäre ich mitgelaufen, aber dann wären wir zu spät zum Mittagessen gekommen, das es heute extra früh für uns geben soll. Denn schon kurz nach 12 Uhr müssen wir uns versammeln, um mit dem Bus in die Innenstadt zu fahren. Die Besichtigungen, die für heute geplant sind, nehmen viel Zeit in Anspruch. Also machten wir drei uns kurz nach 9 Uhr auf den Weg zu einem privaten Spaziergang und kamen durch eine Natur, die an Schönheit denen in der herrlichen Natur Südafrikas in nichts nachstanden. So schön hatte ich Brasilien bisher noch nicht erlebt. Aber man siehe selber, wie es ist.
Die Nacht war heute etwas gestört. Das Hotel ist nicht besonders gut. Zwar sind die Außenanlagen schön und die Zimmer groß, aber Mängel gibt es dennoch. Vor allem liegen die bei der Lautstärke des Betriebes. Wenn in der Küche gearbeitet wird und die Lüftungsanlagen angeschaltet werden, dann bebt unser Bett und es gibt ein tiefes, sehr lautes Geräusch. Das Anschalten der Geräte scheint automatisch zu sein, denn es passiert auch in der Nacht. Dazu kommen weitere Maschinen, die schallungehemmt anfangen, einen großen Lärm zu machen, und etliche Menschen, Türen, Geräusche, die ebenfalls ungehemmt alle Schranken bis zu unseren Ohren überwinden. Das ist ziemlich nervig, selbst für Aurora. Aber wir sind nun mal in Brasilien, wo man Lärm gewohnt ist. Ein weiteres Manko, was uns, vor allem Aurora, stört, ist die Sauberkeit. Die Putzkolonnen sparen an Wasser. Sie haben keine Eimer, keine Wischlumpen, sondern fegen lediglich und dann auch nur ganz grob. Dreck liegt in den Ecken und in der Dusche, der einfach nicht beseitigt wird. Ich wage nicht zu denken, wie es im Inneren unserer Betten aussieht. Und als drittes Manko kommt hinzu, dass man hier bei den Mahlzeiten noch nie etwas von Vollkorn gehört hat. Wir bekommen Verstopfung von all dem vielen Weißmehl. Aber dafür gibt es immer und zu jeder Mahlzeit frische Papaya, bereits geschält und gestückelt. Das ist ein großer Genuss! Nun ja, das Hotel ist unschlagbar preisgünstig. Aber wir beide meinen, dass wir nicht noch einmal in diese etwas langweilige Stadt Petrópolis kommen müssen, dass es aber gut war, mal hier gewesen zu sein.
Mit noch einem meiner Vorurteile muss ich aufräumen. Ich dachte, Petrópolis sei ein deutsches Dorf gewesen, in das irgendwann einmal der brasilianische Kaiser Pedro II. gekommen wäre, wo es ihm gut gefallen habe und wo er sich dann mit seiner Sommerresidenz niederließ. Das stimmt so nicht. Die Wahrheit ist die: Wo jetzt Petrópolis steht, wohnte einst ein Deutscher namens Köhler. Herr Köhler und seine Familie war hierher wahrscheinlich aus dem Hunsrück gekommen. Er war ein tüchtiger und geschickter Mann im Dienste des Kaisers Pedro I. und wahrte seine Chancen. Die große Chance kam, als der Kaiser Pedro II. einen Sommersitz mit gutem Klima suchte. Das machte er, weil er eine Tochter mit Lungenproblemen hatte, der es in Rio schlecht ging. Und wie das bei Vätern mit ihren Töchtern – und hat man noch so viele – ist, tat Pedro alles in seiner Macht Stehende, um ihr zu helfen. Im Klima der Berge, in der Nachbarschaft von Köhlers, meinte er, ideale Bedingungen für sich und die Kleine gefunden zu haben. Also fragte Pedro Herrn Köhler, ob er ihm nicht helfen könne, hier eine ihm gemäße Bleibe zu bauen. Herr Köhler sagte: „Ja, aber …“ Er wolle Handwerker aus Deutschland, seiner Heimat, holen, die dann für Pedro arbeiten und ihm seine Häuser hochziehen. Pedro willigte ein und Herr Köhler fuhr in seine alte Heimat und heuerte eine Menge geschickter Handwerker an. Sein Lockangebot bestand in einem eigenen, großen Grundstück, das Pedro bereit war, als Lohn zu geben. Dazu hatte Herr Köhler den Pedro überredet, denn für einen Kaiser ist es ja auch nicht besonders prickelnd, ganz alleine und ohne Stadt auf dem noch so bergigen Land zu wohnen. So bildeten die Handwerker die Grundlage für die Stadt, die nun entstand. Zuerst war also Herr Köhler. Dann kam Pedro, dann die Deutschen. Und als Anerkennung für die Handwerker, wurden die Stadtteile alle nach deutschen Kleinstädten aus dem Hunsrück nahen Gebiet benannt. Noch heute fährt man hier nach Bingen und nach Koblenz. Und noch heute ist deutscher Einfluss spürbar, nicht etwa nur durch das Bauernfest, das es erst seit knapp 20 Jahren gibt, sondern auch in der Bauweise der Häuser mit den. Die Tochter Pedros aber starb dennoch im zarten Alter von 9 Jahren. Bis dahin aber hatte sich Pedro gut an das hiesige Klima gewöhnt und bleib einfach hier wohnen, wo sein Kumpel Köhler und all die tüchtigen deutschen Handwerker lebte. Ist das nicht eine schöne Geschichte? Übrigens war der Pedro kein Blöder. Als er mit 15 Jahren Kaiser wurde, hat er als erstes alle seine Sklaven, die er geerbt hatte, frei gelassen und hat sie bei sich angestellt gegen ein Gehalt. Und seine Tochter Isabel hat dann, als der Glaspalast, den wir heute Nachmittag angeschaut haben, eingeweiht wurde, die restlichen Sklaven, die ihr gar nicht gehörten, frei gelassen. Das gab natürlich Ärger und die Besitzer mussten für teures Geld entschädigt werden. Aber besser, man lässt mit seinem Geld Sklaven frei, als dass man es für geschummelte Abgaswerte an Strafe entrichten muss.
Jetzt aber zum Ausflug von heute Nachmittag. Der begann also schon früh. So waren wir bereits gegen 13 Uhr in der Innenstadt vor dem kaiserlichen Palast. Im Vergleich zu europäischen Palästen war er allerdings eher klein, aber durchaus repräsentativ. Geplant wurde er schon von Pedro I, als er vor Napoleon aus Portugal abhauen musste. Als dann aber in Portugal alles wieder im Lot war, musste Pedro I. wieder nach Hause. Sein Sohn aber, der damals noch ein Teenager war, blieb und der Vater dankte zu Gunsten seines Sohnes Pedro II. als Kaiser von Brasilien ab. Pedro II. aber blieb und ließ nun Petropólis bauen, nachdem die deutschen Handwerker, 161 Familien waren es damals, wie auf einer Pyramide in der Innenstadt zu lesen ist, zunächst seinen Palast gebaut hatten, den wir also heute besichtigt haben. Dass er nicht dem Bildersturm der Republik zum Opfer fiel, lag daran, dass Pedro II. ihn nach seiner Abdankung und vor seiner Ausweisung aus Brasilien verkauft hatte. Die neuen Besitzer ließen alles an seinem Platz, so dass man heute noch die originale Ausstattung von 1889 sehen kann. Der Palast selber wurde in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts errichtet. Leider durfte man bei Todesstrafe im Palast selber nicht fotografieren, so dass wir uns mit Fotos von draußen begnügen müssen. Aber ich versichere, dass alles Nötige dabei war, vom Klostuhl bis zum Thronsessel. Sogar 3 Kronen waren zu sehen. Über eine Stunde verweilten wir dort und gingen von dort aus in die Kathedrale, einen neugotischen Bau, der gleichzeitig mit dem Palast hochgezogen wurde. Die Kirche machte durchaus auch einen gotischen Eindruck und hatte sogar hinten eine große Orgel stehen. In der Vorhalle rechts waren die Grabmonumente von Pedro II., seiner Frau Teresa Cristina, seiner Lieblingstochter Isabela und ihrem Mann in einer Kapelle. Man hat sie in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts zurück nach Brasilien gebracht, denn Pedro II. hat sich durch und durch als Brasilianer gefühlt und war sehr traurig, dass er das Land verlassen musste.
Von der Kathedrale aus fuhren wir dann mit dem Bus zum Haus von Santos Dumond, dem ersten brasilianischen Piloten. Vor ein paar Tagen hatten wir das Haus schon von außen gesehen. Jetzt gingen wir rein. Danach stürzten wir uns ins Getümmel des Bauernfestes, das auf Portugiesisch „Bauernfest“ heißt. Heute ist in Petrópolis Feiertag, weil heute der Namenstag des Petrus ist. Also gab es viel Betrieb und das Fest lief in vollen Zügen. In der Tat gibt es kaum einen Unterschied zu Blumenau, nur gibt es hier keine großen Bierhallen wie dort, sondern viele Bierstände an einer langen Biermeile am Gelände des Festes. Nun ja, es wurde getanzt auf Bayerisch, bayerische Musik erscholl und die Leute waren es zufrieden. Aber ehrlich gesagt, habe ich Deutsche dort nicht getroffen, auch kein deutsches Wort gehört, denn di e Einwanderung damals ist schon zu lange her, als dass es davon noch kulturelle Spuren gibt.
Rückkehr schon bei Dunkelheit. Aurora hat dann noch den Abflug für morgen organisiert, damit alles glatt läuft. Abendessen und ausruhen. Schlafen! Morgen geht es dann heim.

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