30. Juni, Donnerstag, Mach Hause

Der letzte Tag der Reise ist angebrochen. Heute Abend um 19.30 Uhr geht es los. Bis dahin sind wir also noch hier. Somit ist Zeit, ein Resümee über die Reise zu ziehen. Und dieses Resümee ist vor allem sehr positiv. In Deutschland hatte ich immer Problem, mich in eine Gruppe einzufinden. Hier ist das total anders. Ob das an der Gruppe oder an mir liegt? Ich denke, es ist die Gruppe aus Tocantins, jenem nördlichen Bundesland Brasiliens. Wir haben hier ausgesprochen freundliche, zugewandte, offene Menschen getroffen. Die Kinder und Jugendlichen sind offen und immer gesprächsbereit. Der kleine Niclas, 3 Jahre alt, läuft in der Gruppe herum, als wäre er daheim bei seiner Familie. Er klammert sich nicht an seine Mutter, wie ich das aus Deutschland kenne. Laura ist 11 Jahre alt. Niclas hat sich vor allem in sie, das aufgeweckte, freundliche, gerne lachende Mädchen mit der schokoladenbraunen Hautfarbe verliebt. Sie spielen viel miteinander und Niclas schaut sie ganz verliebt an. Ich erinnere mich an meine Kindheit, als mir mit Mädchen, die meine älteren Geschwister mitbrachten, dasselbe passierte. Laura ist mit ihrer Oma hier, was für die Oma nicht leicht ist, denn die Wünsche der beiden gehen weit auseinander. Aber es geht irgendwie und ohne Krach. Und dann ist da noch die 16-jährige Taina, die mit ihren Eltern da ist. Sie ist ein stilles, freundliches Mädchen, liest gerne und redet mit allen, wenn man sie anspricht. Und dann ist da Victor, der 13-jährige Bruder von Niclas. Er liebt seinen kleinen Bruder, trägt ihn oft auf den Schultern, denn er ist ein großer, starker Kerl, der gerne lacht. Die Eltern der beiden Jungen haben in Tocantins einen kleinen Hof, auf dem sie sowohl viele unterschiedliche Früchte, als auch Rinder züchten. Die Frau arbeitet außerdem als Sekretärin, geht abends studieren und führt noch den Haushalt. Möglich wird das natürlich nur, wenn da eine Oma vorhanden ist, die sich tagsüber um die Kinder kümmert. Wir haben uns richtig angefreundet und hoffen, dass der Kontakt auch weiter erhalten bleibt. Kurz vor Aufbruch aus Petrópolis meinte der Vater zu mir: „Alemão, du bist sympatisch!“ – „Brasileiro, du auch!“ – „Du auch! – „Du auch!“ … Gelächter.
Aurora meint, dass der größte Unterschied zwischen deutschen und brasilianischen Gruppen sei, dass niemand in brasilianischen Gruppe den anderen vermittelt, dass man lieber für sich bleiben will. Niemand baut eine Mauer um sich herum, versucht sich, gegen andere abzugrenzen. Kindern wird Offenheit gegen andere Menschen beigebracht. Männer sind nicht vor allem potentielle Vergewaltiger, sondern Bestandteil des Lebens. Kinder sind nicht potentiell Missbrauchte, sondern Menschen, die lernen, wie man mit anderen Menschen so umgeht, dass es allen gut geht. Und genauso ist es hier. Ich bin der Alemão, der Deutsche, und als solcher mitten in der Gruppe und ohne Probleme. Sie nehmen mich, wie ich bin, selbst wenn es sie manchmal etwas seltsam vorkommen mag und sie seltsamerweise nicht immer mein Portugiesisch verstehen.
Das Wetter war heute wundervoll, zwar nicht ganz so sonnig wie gestern, aber dennoch schön und in der Sonne auch warm. Es ist gut, um hier Abschied zu nehmen. Wir haben uns versprochen, wieder mal mit den Leuten aus Tocantins zu verreisen. Auf dem Flughafen aber werden sich erst mal unsere Wege trennen, auch wenn wir Adressen ausgetauscht haben. Wir fliegen nach Süden und die anderen nach Norden.
So stiegen wir um 14 Uhr in den Bus, um zum Flughafen zu fahren. Die Fahrt ging relativ schnell, so dass wir schon um 15 Uhr vor Ort waren. Die Gruppe aus Tocantins wollte mit Gol weiter fliegen und wir mit TAM. Weil wir früh waren, hatten wir aber noch viel Zeit. Also sagten wir den anderen, dass wir erst mal einchecken, um dann noch mal ordentlich Abschied zu nehmen. Wo wir am Flughafen abgesetzt worden waren, befanden sich die Schalter von Gol. Aber wo sind die von TAM, der Fluggesellschaft, die für unsere Rückreise zuständig ist? Wir fragten und wurden weiter geschickt, immer weiter, immer weiter, in den nächsten Terminal, der mit dem ersten Terminal über einen langen Gang verbunden war. Und dann immer weiter. Am Ende der letzten Halle waren dann die Schalter der TAM. Aber wir haben ja Zeit. Das Einchecken geht elektronisch. Eine junge Dame half uns dabei und stellte fest, dass wir schon um 16.05 Uhr fliegen könnten, ob wir das wollten. Klar wollten wir. Und so flogen wir schon um 16.05 Uhr los, um kurz nach 20 Uhr in Naveganteanzukommen. Denn selbst in Congonhas, wo sich Inhas und unsere Wege trennten, war die Wartezeit nicht besonders lang. Nur konnten wir uns nun wirklich nicht von der netten Gruppe verabschieden. Zu gerne hätte ich sie noch alle umarmt, aber das war nun nicht mehr möglich. Da sie aber auch über Congonhas fliegen, hatte ich noch die leise Hoffnung, sie dort zu treffen. Ich fand auch ihren Abflugsteig, aber wir waren viel früher da als sie, weswegen ich sie nicht antraf. Wir werden eine Entschuldigungsmail schicken. Dafür sind wir nun sehr viel früher als berechnet daheim. Um 21.00 Uhr schlossen wir unsere Haustür auf und wurden von zwei zufriedenen Katzen begrüßt. Sie fremdelten nicht, sondern fielen sofort in alte Verhaltensmuster zurück, als wären wir nie weg gewesen.

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