10. November, Freitag, Corcovado und botanischer Garten

Bevor ich beginne, vom Heute zu erzählen, muss ich noch für das Gestern einen Nachtrag machen, den ich aber erst heute erfuhr. Frank und Bigi sind ja ziemlich arglose Menschen. Sie fühlen sich im Strom des Lebens so geborgen, dass sie auch schon mal vergessen können, dass dieses Leben in diesem Körper auch ein jähes Ende finden könnte, wenn es sich so will. Und ob es sich so will, hängt auch vom Verhalten der Menschen ab. Man kann diesem jähen Ende aus dem Weg gehen oder auch nicht. Wenn man nach Rio fährt, kann man sich z.B. gegen Gelbfieber impfen lassen, muss es aber nicht. Letzteres kann gut gehen, muss es aber auch nicht. Denn hier schwirren die Mücken herum, die allzu gerne Gelbfieber übertragen. Und meine traurige Erfahrung ist, dass brasilianische Mücken deutsches Blut besonders gerne schlabbern. Die beiden haben sich also nicht gegen Gelbfieber impfen lassen. Dafür haben sie aber gestern Abend einen kleinen, wunderschönen Ausflug an den Strand der Copacabana gemacht, sind dort im Dämmerlicht spazieren gegangen und haben sich im Anschluss in eine Strandbar begeben, wo sie Bierchen zu sich nahmen und eine Portion Pommes. Und das alles bei Life-Musik. Wunderschön, denn der Abend war warm und die Luft war lau. Es war einfach traumhaft. Dass es vorher geheißen hat, wir sollten bitte nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr draußen herum laufen, sondern hübsch im Zimmer bleiben oder in einer größeren Gruppe gehen, war den beiden eher nicht im Kopf. Warum auch, wenn draußen der weiße Sand der Copacabana mit seinen stimmungsvollen Strandbars lockt. Haben sie nun gutes Gottvertrauen? – Mitnichten, denn Frank ist ja Buddhist und damit Anhänger einer Religion, die ohne Gottesvorstellungen auskommt. Es ist einfach das Grundvertrauen, dass alles schon seinen Gang gehen wird und gut geht. Und dann sitzen wir beiden armen Würstchen, also Aurora und ich, und machen uns Sorgen und Gedanken. – Nun ja, die beiden sind erwachsen und brauchen keine Mamma mehr. Und so haben wir uns über den gestrigen Ausflug gefreut und ich habe bereut, nicht mit ihnen gegangen zu sein.

Das alles habe ich heute beim Frühstück erfahren, das wir gegen 7 Uhr bekamen. Denn der Bus sollte bereits zu dem reichhaltigen Programm um 8 Uhr losfahren. Wie das aber so üblich ist, wenn eine Gruppe aus Tocantins sich zusammen findet, kamen die letzten erst gegen 8.20 Uhr, so dass das Vormittagsprogramm ziemlich in Verzug kam. Denn es ging auf den Corcovado, die überdimensionale Christusfigur, die sich über der Stadt erhebt. Nicht nur wir wollten dorthin, sondern die halbe Weltbevölkerung, die sich derzeit hier in der Stadt befindet, ebenfalls. Darum wäre es gut gewesen, vor allen anderen an die Bahn zu gelangen, die uns auf den Gipfel des Berges bringen sollte. Das also misslang, was zur Folge hatte, dass wir später ankamen, später hoch kamen und auch später wieder runter fuhren. Über die Eindrücke oben bei der Figur muss ich nicht viel schreiben. Die Bilder in den Fotoalben sind da aussagekräftiger. Immerhin hatten wir es in diesem Jahr dort warm und sonnig – im Gegensatz zu vorigem Jahr, wo wir von der Stadt nichts sahen, weil sie unter einer dicken Wolkendecke verborgen lag. So aber war dort natürlich viel Betrieb und Schlangenmenschen haben einen deutlichen Vorteil, indem sie sich zwischen den Menschen, die sich mit ausgebreiteten Armen und am Boden liegenden Lieben fotografieren ließen und anderen Menschen, die gerade ein Plätzchen suchten, wo sie das Bild ihres Lebens aufnehmen würden, durchschlängeln können. Es war heiß, die Sonne brannte und es war wunderschön. Ich hätte gerne den einen oder anderen mit weit offenen Armen dastehenden Menschen unterm Arm gekitzelt, aber das wäre wohl eher unwirsch aufgenommen worden. Der Zug, der uns nach oben und dann auch wieder nach unten brachte, ist ein Schweizer Modell von der Bauart, wie sie auch das Jungfrauenjoch hoch fährt. Darauf sind die Leute in Rio stolz. Wir machten uns also wieder nach unten und begaben uns zum Mittagessen in eine teure Churrascaria. Welch ein feines Lokal! Wir schwelgten im Fleisch, Bigi und Frank im Gemüse und Käse, später aber, nachdem der Chef gemerkt hatte, dass sie kein Fleisch essen, aber dem Fisch nicht abgeneigt gegenüber standen, auch im Fisch. Alle fanden wir das Essen richtig gut und ich beschloss, dass Bigi und Frank darüber nachdenken sollten, ob sie nicht das Verweilen in Brasilien generell und in Bombinhas speziell zu einer lieben Gewohnheit machen sollten. Nachdem ich auf diese gute Idee gekommen bin, lasse ich nicht mehr locker und ermuntere sie immer wieder, doch über eine solche liebe Gewohnheit nachzudenken. Der November in Deutschland ist ein Monat, den eigentlich niemand braucht. Da kann man doch aus einer lieben Gewohnheit heraus immer wieder nach Brasilien fahren. Mal sehen, was daraus noch wird.

Nach dem Mittagessen ging es dann in den botanischen Garten. Der bot sich dieses Mal auch im Sonnenschein an und nicht bei trübem Wetter wie letztes Jahr. Herrlich, diese vielen Pflanzen und Bäume. Wir machten einen ähnlichen Rundgang wie letztes Jahr, nur mussten wir auf den von Frank gewünschten Besuch der Orchideen-Ausstellung verzichten, weil sie zu abseits lag. Das nachzuholen wäre kein Problem, wenn die beiden es sich zu einer lieben Gewohnheit machen würden, im November nach Brasilien allgemein und nach Bombinhas speziell zu kommen. Denn Orchideen sind bei uns wie Löwenzahn in Deutschland. Gruppenbilder entstanden und auch viele andere Fotos und wir waren sicherlich 2 Stunden dort unterwegs. Herrlich!

Der Bus brachte uns dann nach Hause und wir bekamen nun eine Ruhepause. Danach aber gingen Inha, Aurora und ich doch noch mal los, um zu sehen, was Bigi und Frank so erlebt hatten gestern, als sie noch mal am Strand waren. Ja, es war wirklich schön, auch wenn wir nicht so lange blieben wie die beiden, reichte es doch für einen Gang an der Copacabana entlang und dann zu einer kleinen Trinkpause in einem Strandcafé. Dann aber, als die Dämmerung doch recht stark einfiel, machten wir Feiglinge uns auf den Weg zurück ins Hotel. Gott sei Dank fahren wir morgen erst um 9 Uhr los, so dass wir eine Stunde länger schlafen können.

Der Gehweg an der Copacabana Der Zuckerhut von der Copacabana aus gesehen am Abend
Der Gehweg an der CopacabanaDer Zuckerhut von der Copacabana aus gesehen am Abend

Der Strand Die Wellen schlagen hoch
Der StrandDie Wellen schlagen hoch

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