15. November, Mittwoch: Ein vertaner Tag

Ein vertaner Tag. So schätzen Frank und ich diesen Abreisetag ein. Gegenüber dem, was wir in den Tagen zuvor erlebt haben, stimmt das haargenau und trifft den Kern des Erlebens. Es begann schon damit, dass uns kein Anschlusstermin an den Frühstückstisch jagte. Dennoch trafen wir uns dort bereits gegen 7.30 Uhr. Alle hatten aus Gewohnheit nur bis 7 Uhr geschlafen. Danach war Freizeit angesagt bis 12 Uhr. Wir nutzten sie sehr unterschiedlich. Welche gingen noch mal zum Strand und nahmen Abschied von Rio, andere falteten die saubere und schmutzige Wäsche sorgfältig, um sie sortiert in das Gepäck zu bringen. Wieder andere – darunter ich – nutzten die Zeit für ein weiteres Schläfchen. Um 11 Uhr wollten Aurora und ich zum Auschecken nach unten gehen. Ich wachte um 10.30 Uhr auf, so dass ich noch in Ruhe meine Sachen zusammenpacken konnte, den Laptop verstaute, die Kabel in eine Tüte brachte und alles zusammen ins Handgepäck beförderte, von wo es Aurora umgehend zum Teil wieder raus nahm, um es in das abzugebende Gepäck umzulagern. Sei es drum. Hauptsache, die Dinge bleiben nicht in Rio, sondern wandern mit zurück. Als wir uns dann auf eine längere Wartezeit am Aufzug einrichten wollten, kam der auch schon leer angefahren, um uns nach unten zu bringen. So hatten wir dort reichlich Zeit, die vor allem von den anderen Gruppenmitgliedern genutzt wurde, um noch mal mit den Exoten aus Deutschland Fotos zu machen, so eine Art Selfie mit Exot. Dazu wurde munter und vor allem lauthals kommuniziert. So viel Herzlichkeit wie bei diesen Menschen kann man selten finden. So ist das zwar ein sehr lautstarkes, aber auch sehr emotionales Erlebnis und ein Grund, warum wir so gerne mit SESC-Tocantins fahren.

Frühstück Im Einkaufszentrum
FrühstückIm Einkaufszentrum

Einsteigen in den Bus und los zu einem Shoppingzentrum. Das war zwar groß, aber wegen des heutigen Feiertages (Tag der Republik) bis 15 Uhr geschlossen. Immerhin hatten die Imbissstände und Restaurants schon geöffnet, so dass wir erst einmal in aller Ruhe aßen. Das war gegen 12.30 Uhr. Trotz äußert gemächlicher Gabel- und Messerbewegungen waren wir schon gegen 13.15 Uhr total satt, zumal wir auch noch gemächlich ein Eis schlotzten. Also streift man durch das Zentrum, vorbei an den geschlossenen Läden, den heruntergelassenen Rollläden, suchte in Ruhe (soweit einen die Bedürfnisse dazu Zeit ließen) nach Klos, widmeten uns dessen Dienste – ebenfalls in aller Ruhe und gerne auch öfters – und philosophierten über vertane Tage in Erinnerung an die letzten Tage, die so angefüllt waren. Immerhin hatten einige Läden schon offen, aber sowas wie Stress kam erst auf, als es auf 15 Uhr zuging und wir endlich in den Heringladen gehen konnten, um uns dort nach T-Shirts umzusehen. In Brasilien geht man nämlich in Heringläden, um T-Shirts zu kaufen. Das ist hier so üblich. Dort aber fanden wir nichts und wir setzten die Suche nach geeigneten Textilien, die vor allem Bigi und Frank für ihr reichliche Nachkommenschaft brauchen, in anderen Geschäften fort. Bei Zinzane wurden wir fündig. Dort tummelte sich das Leben und keine Frau geht von dort weg, ohne nicht wenigstens ein Kleidungsstück mitgenommen zu haben. Aurora und Bigi trugen 2 Kleidungsstücke mit sich, die natürlich von uns Männern, die wir bis zur Entscheidung auf der Männerparkbank zugebracht hatten, bezahlt wurden. So hatten wir auch eine Funktion. Inha allerdings verzichtete auf einen Einkauf hier. Ich glaube, sie hätte schon gewollt, hat aber nicht das Richtige gefunden.

Bei Zinzane Bei Zinzane
Bei ZinzaneBei Zinzane

Bei Zinzane Der Heringladen
Bei ZinzaneDer Heringladen

Kaffeepause Britt-Shop auf dem Flughafen
KaffeepauseBritt-Shop auf dem Flughafen

Pünktlich um 17 Uhr sollten wir uns dann beim Bus einfinden. Natürlich waren wir schon um 16.30 Uhr da, tranken noch eine Tasse Kaffee und bestiegen dann den Bus, der uns zum internationalen Flughafen Galeão brachte. Die Tocantinsleute waren dann zusammen mit Inha ziemlich schnell verschwunden, weil ihr Flug nach Congonhas schon bald abging. So waren wir nun alleine übrig und hatten bis 21.30 Uhr zu warten. Vertane Stunden an einem vertanen Tag. Zwar ist es zu viert nicht so öde wie wenn man alleine da sitzt, aber vertan ist die Zeit dennoch. So galt unsere Aufmerksamkeit zunächst dem Erwerb von T-Shirts, die wir im Einkaufszentrum nicht bekommen hatten. Im Britt-Shop Rio wurden wir fündig. Dort gab es sehr teure T-Shirts, aber wenn man 4 kaufte, bekam man 3 gratis dazu. Bigi schlug zu mit 7 T-Shirts und war sehr zufrieden mit dem Preis. Warten, aus den Vorräten, die Aurora mitgenommen hatte, etwas essen, warten, Wasser trinken, etwas rum laufen, Klos suchen und all sowas, was man eben so machen kann, war nun angesagt. Frank beschäftigte sich mit der Philosophie, die in seinem Kindle-Reader ist, Bigi und ich mit dem Handy, Aurora mit dem iPad. Dann redeten und scherzten wir wieder geistreich miteinander. Kurz: vertane Zeit, öde Zeit, voller Nähe und Zuwendung. Wenn man gemeinsam Zeit vertut, ist es nicht so schlimm. Gegen 20 Uhr gingen wir dann zum Abflugsteig und stellten uns dann gegen 20.30 Uhr in die Schlange für alte Krüstchen. Wir waren dort die ersten und einzigen. Ich selber war dann auch als erster beim Einchecken dran und verpasste nicht die Gelegenheit, mich nach dem Wohlbefinden des Piloten zu erkundigen und ob er auch sein Antidepressivum genommen hat. Von zwei unabhängigen Mitarbeitern wurde mir bestätigt, dass der Pilot in prima Form und alles zum Besten bestellt sei. Ich stieg also ein und alle anderen auch. Das Flugzeug wurde nicht voll. Es gab noch viele Plätze. Wer will schon an einem Mittwochabend von Rio nach Navegantes fliegen? – Klar! Wir! Und so kamen wir dann gegen 22.45 Uhr in Navegantes an und ich holte gleich mal das Auto, damit es zügig heim nach Bombinhas gehen sollte. Die beiden Frauen meinten, ich hätte langsamer fahren sollen und sie säßen hinten in voller Spannung. Da war für die beiden der Tag also nicht ganz vertan, denn er wurde ja am Ende dann doch noch spannend. Dank meiner zügigen Fahrweise waren wir dann um 23.45 Uhr schon in Bombinhas. Chico begrüßte uns mit großen Augen, Susi kniff die Augen zusammen und ergriff die Flucht. Alles war also wie immer. Und als Aurora dann im Bett lag, lag Chico auf ihr und Susi zu ihren Füßen. So hat sie die Nacht verbracht.

Finales Warten Im Flugzeug
Finales WartenIm Flugzeug

Und damit ist das Reisetagebuch für dieses Mal zu Ende.

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