1. November 2015, Sonntag, Jetzt geht's los!

Es ist gepackt. Alles hat Aurora im Griff und umgekehrt: die Kleidung, die Mitbringsel, die Dinge, auf die wir ungern verzichten, und alles, was wir so brauchen. Nun hat es in den Koffern seinen Platz gefunden. Ich war noch mit unseren Impfausweisen zu Aurora gekommen und habe gefragt, ob wir die brauchen. Nein, war ihre Antwort, die lassen wir daheim. Welch ein Irrtum, wie sich später herausstellen sollte.

Um 9.45 schlichen wir uns aus der Wohnung, damit die Katzen ja nicht so viel merken. Die schliefen wie immer. Alles ging gut. Suzana Brose, unsere neue Freundin aus Bombinhas, fuhr uns zum Flughafen nach Navegantes. Es regnete, wie in den letzten Wochen fast jeden Tag. Einchecken in Navegantes. Der Flug ging mit etwas Verspätung ab, aber keine Gefahr. In São Paulo hatten wir fast 5 Stunden Zeit, nach Johannesburg einzuchecken. Ankunft in Guarulhos, dem Flughafen von São Paulo. Langer Fußweg von der Ankunft bis zum Schalter der South African Airways. Warten, bis wir dran sind. Und dann der Schock: Man verlangte von uns einen internationalen Impfpass mit dem Nachweis einer gültigen Gelbfieberimpfung. Beide haben wir zwar die Impfung, jedoch den Ausweis nicht dabei. Der liegt in Bombinhas. Mich lassen sie rein, weil ich über 60 Jahre alt bin. Da ist das egal, ob ich Gelbfieber habe oder nicht. Aber Aurora hat keine Chance. Sie darf nicht einchecken. Marcio, der freundliche Herr am Schalter, erkundigt sich noch einmal bei seinem Chef, aber es bleibt beim Nein. Anscheinend ist Marcio schon gewohnt, Leute wieder weg zu schicken, denn er kann ein richtig betrübtes Gesicht machen und Trost spenden. Wir haben das Gefühl, dass es auch ihm nahe geht, uns jetzt so schnöde auseinander zu reißen.

Welch eine Wendung dieser Reise. Kurz überlegten wir, ob wir sie nicht ganz abbrechen sollten. Dann aber entschloss ich mich, doch alleine zu fahren. Das wiederum bewirkte bei uns beiden große Traurigkeit bis zu Tränen. Wir hatten uns doch vorgenommen, uns nicht mehr so lange zu trennen. 4 Wochen ist eine lange Zeit. Auch hatte sich Aurora auf die Reise gefreut und ich hatte mich darauf gefreut, sie zusammen mit Aurora zu erleben. Und jetzt das.

Wir aßen noch einmal zusammen, jedoch mit großer Trauer und ohne Appetit. Aurora gelang es, ihre Schwester zu benachrichtigen. Nachdem wir uns dann verabschiedet hatten, nahm sie den Bus in die Innenstadt, wo sie von ihrer Schwester abgeholt wurde.

MarcioDie Pfosten
Marico, der freundliche MitarbeiterDie Pfosten

Ich war nun alleine, konnte es noch gar nicht glauben. Was war das jetzt? Würde es gut werden? Aurora tröstete mich vorher noch, dass ich ja in einer Gruppe sei und zu Verwandten führe, aber selber war sie doch untröstlich und ich ebenso mit ihr. Ich suche meinen Weg zum Abflugsteig. Es ist weit bis dahin durch Kontrollen unterschiedlicher Art. Ich lese, aber unkonzentriert. Etwas allerdings entging dann doch meinem ansonsten fröhlichen Gemüt nicht, denn da waren mehrere gestandene Männer, Mitarbeiter der Fluggesellschaft, etliche Minuten damit beschäftigt, Pfosten, aus denen man Absperrbänder herausziehen kann, die man wiederum in andere Pfosten klemmt, zu sortieren. Hinstellen, verbinden, neue hinstellen, neu verbinden, die alten wegnehmen, sie woanders hin rücken, wieder verbinden usw. Sinn dieser anstrengenden Geistes- und Körpertätigkeit ist, Wege für die Volksmassen zum Einsteigen zu erfinden. Am besten schlängelt man sich durch ein Mäandermuster durch, so dass viele Menschen sich in geordneten Bahnen bewegen. Ich beobachtete das muntere Nachdenken und Neustellen. Sackgassen entstanden, die neues Nachdenken hervorrufen. Das entlockt mir doch trotz aller Traurigkeit ein Schmunzeln. Wie schwer ist das denn, alles so richtig hin zu bekommen? Neue Mitarbeiter tauchen auf, denken mit, schieben mit, verbinden mit. Am Ende gibt es 3 Eingänge in ein Labyrinth, von denen zwei in Sackgassen enden. Maricio vom Checkin taucht auf. Er erkennt mich und macht gleich ein tragisches Gesicht. Alle seine Kollegen werden über das traurige Geschick informiert. Ich unterstreiche die Infos von Marcio mit dem Hinweis darauf, dass ich ein ganz armer Tropf bin, dem sehr viel Mitleid gebührt. Alle sind bereit, mich zu bedauern. 18.30 Uhr soll das Boarding beginnen. Es verzögert sich, weil die Putzkolonne noch nicht fertig ist. Es wird schließlich 19.15 Uhr, bis wir an Bord dürfen. Pünktlich mit einer Stunden Verspätung fliegen wir los und kamen wir in Johannesburg an. Der Platz neben mir im Flugzeug war eigentlich Auroras. Jetzt hoffte ich, dass er wenigstens frei bliebe. Doch gefehlt. Es kam ein südafrikanischer Mann dorthin. Der war zwar sehr nett und auch sehr zugänglich und fröhlich, jedoch nicht Aurora. Ich selber war wohl etwas muffelig. Jedenfalls verlief der Flug gut. Es gab ein gutes Essen, jedoch sehr reichlich, viel reichlicher als bei TAM. Danach konnte ich – auch dank einer kleinen Flasche Rotwein – richtig gut schlafen.

In Johannesburg herrscht wundervolles Wetter – im Gegensatz zu São Paulo, wo es wie aus Kübeln goss. Es ist warm. Raus aus dem Flugzeug, lange Wege laufen, durch Kontrollen hindurch, Koffer holen, das abgesperrte Gebiet verlassen. Ich komme raus und sehe auch gleich Agnes, die mich ebenso gleich sah. Freude über das Erkennen und gleichzeitig Betroffenheit über Auroras Ausbleiben. Agnes hatte noch am Abend meine Mail gelesen und auch gleich Carmen, unsere Reiseleiterin, informiert. Die war nämlich mit ihren Leuten auch schon da und ich wurde mit freundlicher, anteilnehmender Empathie begrüßt. Ob es nicht doch noch ginge, dass sie kommt. Nein! Wie schade! – Aber jetzt ist schon Dienstag, der 2. November.

Jetzt also bin ich da, leider nur ich ohne Aurora.

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