2. November 2015, Montag, Die Schillers

Da bin ich also: allein in der Ferne, jedoch nicht in der Fremde. Auf dem Flughafen wartete bereits Agnes, Carmen, ihr Mann Ulli, der ebenfalls Mitveranstalter der Rundtour ist, und die restliche Gruppe auf mich. Sie waren schon eher angekommen, weil mein Flug genau eine Stunde Verspätung hatte. Dafür war der Empfang sehr herzlich und anteilnehmend. Das tröstet etwas, auch wenn es mir Aurora nicht an meine Seite bringt. Da ist schon trauriger, von ihr zu hören, dass auch sie sehr viel geweint hat. Hoffentlich wird das war, was Agnes, ihr Mann Peter und ich beschlossen haben, nämlich dass wir diese Reise noch einmal wiederholen, wobei dann alles glatt gehen wird.

Da war ich also angekommen. Agnes hatte sich bereit erklärt, auch noch einen anderen Mann aus der Gruppe aufzunehmen. So setzten wir uns gemeinsam in ihr Auto und fuhren zu ihr nach Hause. Eigentlich sind sich Brasilien und Südafrika ziemlich ähnlich in der Struktur ihrer versagenden Wirtschaft, im Sein als Schwellenland und vereint in den BRICS-Staaten. Hier aber waren die Straßenverhältnisse doch recht unterschiedlich zu den Holperpisten, die ich aus Brasilien kenne. „Kein Wunder“ meinte Agnes, „denn Pretoria ist die Hauptstadt. Da ist immer alles besser. Fahr mal wo anders hin“ Klar! Das ist die Erklärung. Immerhin gibt es auch hier wie in Brasilien jene unangenehmen Schwellen in der Fahrbahn, die bei unachtsamer Überfahrt die Federung des Autos sehr in Anspruch nimmt und die Passagiere an die Decke schleudert.

Auf einer 10-spurigen Autobahn ohne Löcher war der Weg bald zurückgelegt. Die Autobahn führt fast direkt vom Flughafen zu Schillers. Prima! Schade, dass Aurora das jetzt nicht sehen kann.

Das Haus von Agnes ist bemerkenswert. Es ist inzwischen rund 40 Jahre alt und schwer gemütlich. Hinterm Haus aber – und das ist wohl das Schönste – ist ein herrlicher Garten angepflanzt mit lauter tropischen und subtropischen Gewächsen. Ein riesiger Feigenbaum steht am Rand und spendet Schatten. Eine Rasenfläche ist in der Mitte, gepflegt und gut geschnitten. Mein Gott, wie viel Arbeit ist mit diesem kleinen Paradies verbunden. Wir genossen es den ganzen Tag bei Kaffee, beim Grillen, beim Erzählen. Dabei ist auch das Haus urgemütlich. Es wirkt sehr deutsch. Das ist – im Gegensatz zu Bombinhas – hier auch möglich, weil es hier trocken warm ist und nicht feucht warm. Schimmelbildung ist hier kein Problem. So prangen große Bücherregale an den Wänden und viele kleine Gegenstände, die ein wohnliches Gefühl vermitteln. Für Aurora und mich ist ein Zimmer gerichtet, wohl das schönste im Haus. In der Decke ist ein Oberlicht, so dass das Zimmer lichtdurchflutet ist. Ich breite meine klammen Kleider aus dem Koffer auf dem Bett aus zum Trocknen. Internet ist vorhanden. Nichts fehlt mir, außer vielleicht einer Steckdosenleiste mit Adapter für die hiesigen Steckdosen, was aus Versehen in der Tasche Auroras gelandet war.

Zwei Dinge brauche ich: eine Sim-Karte für mein Telefon, so dass ich sowohl für die Verwandten erreichbar bin, wie auch umgekehrt. Die bekamen wir in einem Shoppingcenter. Schließlich brauchte ich noch Bargeld. 1.000 Rand habe ich mit meiner Kreditkarte abgehoben, was problemlos möglich war. Nur sind diese vielen Rand nur rund 66 Euro wert. Es war also eine wirklich eher kleine Summe, die ich ausbezahlt bekam. Alle diese Aktionen brauchten den ganzen Vormittag. Als wir dann wieder daheim waren, musste ich erst mal schlafen und duschen. Dabei merkte ich, dass ich nicht einmal eine Zahnbürste dabei habe. Agnes aber hat immer alles, was ich vergessen habe. Wie gut, dass es sie gibt.

Zusammen saßen wir noch im Garten und plauderten über gemeinsame Verwandte, bis dann Peter, Agnes‘ Mann, dazu kam. Peter ist Ingenieur und noch immer berufstätig. „Er arbeitet gerne,“ meint Agnes, „und will nicht pensioniert werden.“ Er machte gleich mal ein Churrasco für uns alle, das wir mit Rotwein und vielen Gesprächen genossen.
Heraus kam dabei, dass es hier in Südafrika einen sehr starken, prägenden, englischen Einfluss gibt, den Brasilien nicht kennt. Hier war bis vor wenigen Jahren noch vieles sehr formal, streng und sehr englisch. Man konnte z.B. nur mit Anzug und Krawatte in ein Restaurant gehen. Das ist heute nicht mehr so, sondern wird ähnlich wie in Brasilien gehandhabt.

AgnesPeter
AgnesPeter

Zuletzt noch ein paar Worte zu Agnes und Peter, unseren Gastgebern, meiner Cousine und meinem Cousin. Beide bilden deutlich eine auf sich und andere Menschen wirkende Einheit im besten Sinne. Agnes ist das Kommunikationszentrum, weil sie sehr kommunikativ ist, jedoch in einem bemerkenswerten unaufdringlichen Modus. Denn sie hat immer den Nächsten im Blick und nicht vor allem sich selber, wie das so oft der Fall ist. Ihr ist deutlich der Nächste der Wichtigste, wie es ihrer christlich geprägten Gesinnung entspricht. Entsprechend ist ihre Kommunikation. Sie erspürt, was der Andere braucht, und geht dann darauf ein. Sie hört zu, kann gut zuhören, äußert sich einfach, aber hilfreich und packt auf eine selbstverständliche Art und in leiser Gangart an, was getan werden muss. Alles läuft irgendwie wie selbstverständlich, was es jedoch keineswegs ist. Nebenbei aber geht ihr Handy in einer Tour im SMS oder Email-Modus. Ständig flötet ein Vögelchen aus diesem Kommunikationsmittel, das signalisiert, dass wieder jemand eine Nachricht hinterlassen hat. Agnes ist dabei nicht etwa in ihrer Aufmerksamkeit auf das Handy fixiert, sondern räumt ihm dann Zeit ein, wenn sich Zeit dafür ergibt. Denn: Agnes hat ein Handy. Das Handy aber hat nicht Agnes.

Entsprechend ist auch Peter. Er unterstützt Agnes, steht ihr zur Seite, ist ihre Stütze. Das merkt man sehr deutlich. Beide sind ein harmonisches Paar mit Außenwirkung, die sich aus der harmonischen, Kraft schenkenden Innenbeziehung nährt. Dieses Paar ist also nicht auf sich bezogen. Auch Peter ist ein Meister des Zuhörens, der freundlichen, liebevollen Zuwendung und Unterstützung des Gegenübers und dabei eben die andere Hälfte des Geistes im Hause Schiller, das einen so freundlichen, willkommen heißenden Eindruck auf mich ausübt. Offenbar ist diese Atmosphäre der Zuwendung nicht nur mein Eindruck, sondern auch der vieler anderer Menschen, die sich an die beiden wenden, wie das häufige Piepsen im Handy von Agnes zeigt. Besonders gilt das wohl für die Kinder, die immer wieder gerne heim kommen, obwohl sie eigene Familien haben und selber Eltern von Kindern sind. Agnes ist und bleibt die Mutter und Peter der Vater dieser Familie.

Heute nun hatten sie Joachim und mich zu Besuch und widmeten uns ihre Zeit. Besonders Joachim, der wie ich ein Teilnehmer der von Carmen und Ulli organisierten Rundtour durch den Norden Südafrikas ist, braucht diese Zuwendung angesichts seiner vielen, traurigen Lebenserfahrungen mit dem Tod seiner Frau und seines ältesten Sohnes und der damit zusammenhängenden Einsamkeit. Denn er hat ein großes Bedürfnis nach einem Mitmenschen, der ihm empathisch zuhört. Agnes schafft es, Peter schafft es selbst nach einem langen Arbeitstag. Ich bin da nicht so gut, auch wenn so etwas früher mein tägliches Brot war. Joachim aber tun diese offenen Ohren sichtbar gut und er fühlt sich bestens aufgehoben. Und das ist ja der Sinn, wenn man Gäste bei sich hat.

zu TischAgnes in ihrer Küche
zu Tisch nach dem GrillenAgnes in ihrer KÜche

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