10. November 2015, Dienstag, Cape Vidal

Also dieses Gästehaus in St. Lucia, das Avalone, ist wirklich gut und ich habe heute Nacht geschlafen wie ein Stein. Im Gegensatz zu Bombinhas, wo wir die letzten Wochen und Monate immer mit Nebel, Regen und tief hängenden Wolken begrüßt wurden, schien wieder eine helle Sonne vom strahlend blauen Himmel. Nun muss  man sagen, dass die Leute hier ganz gerne mal mit Bombinhas tauschen würden – und umgekehrt, denn die Trockenheit ist riesig groß, wie wir bei unserem heutigen Ausflug wieder erlebt haben. Ziel war ein Naturpark mit vielen Tieren und einer bezaubernden Landschaft, den Wetlands von St. Lucia, ihres Zeichens sogar Welt-Natur-Erbe der Unesco. Nach dem Frühstück fuhren wir schon gegen 9 Uhr in dieses langgezogene Naturreservat ein. Dort war auch gleich ein vor Einsicht geschützter Beobachtungsposten vor einem Wasserloch. Hier sollte es viele Flusspferde, Krokodile und vor allem viele Vogelarten geben. Jedoch war das Loch leer. Kein Wasser, keine Tiere, keine Vögel, nur eine grüne Senke war vorhanden. Mehr nicht. Es gab wenig zu sehen, denn auch die anderen Wasserlöcher waren leer und die Tiere wo anders. So blieb also die herrliche Natur. Eigentümlich war allerdings, dass diese gar nicht trocken wirkte, sondern sogar sehr grün. Stellenweise stand da Urwald mit einem Bewuchs, der mich stark an unsere Wälder in Bombinhas erinnerte. Mal waren dann auch ein paar Büffel da, Warzenschweine und vor allem Affen. So fuhren wir ans Meer, zunächst zu einer Felsküste, an der wir vor allem viele Krebse fanden, sodann zum Baden an einen langen Sandstrand. Da lag er herrlich breit vor einem dunkelblauen bis türkisen Meer, das mit vielen Schaumkronen verziert war. Der Wellengang war hoch, so dass klar war, dass es ein längeres Schwimmen nicht geben würde. Der Indische Ozean ist rauer als der Atlantik in Bombinhas. Ich selber war als erster fertig zum Baden und ging los über den losen Sand. Die ersten Schritte waren noch normal schnell, aber dann musste ich laufen, denn die Füße wurden immer heißer. Das ließ nur noch kurze Berührungen mit dem Sand zu, wenn man sich die Füße nicht verbrennen will. Also Spurt ins Meer. Das war richtig warm, hatte sicherlich 30° Wassertemperatur. Aber es war in der Tat etwas gefährlich, weil die Wellen dicht und hoch waren. Die Unterströmung drohte einem die Füße unter dem Leib wegzuziehen. Aber langes Schwimmen war auch nicht geplant, sondern lediglich ein Eintauchen ins Meer mit Abkühleffekt. Letzterer war eher weniger gegeben, so dass ich dann schon bald den Spurt zurück über den heißen Sand an eine schattige Stelle machte, an der sich inzwischen die Gruppe eingefunden hatte. Ich warnte vor dem heißen Sand, aber man hörte nicht auf mich. Nach 10 Schritten aber setzte der Spurt zurück an. Wer nicht hören will, muss fühlen! Das sei aber in Ordnung, meinten sie.

Während nun die Leute der Gruppe im Wasser waren, hatte ich die Gelegenheit, mit Carmen ein wenig über südafrikanische Kultur zu sprechen. Mein von ihr bestätigter Eindruck ist der, dass die Weißen, vor allem die Buren, aber sicher auch die Engländer, gänzlich andere Lebensziele und –werte haben als die Schwarzen. Das ist nicht farblich oder rassisch bedingt, sondern durch die Kultur. Wir erleben diese Unterschiede auch in anderen Ländern und in seiner Auswirkung in ganz Afrika, wo ein Fortschrittsdenken im westlichen Sinn nicht vorhanden ist. Was gut, richtig, zukunftsweisend für die schwarzen Völker ist, wird also ganz anders definiert als bei den weißen Völkern. Und letztlich versteht niemand den anderen wirklich. Das ist die eine Seite. Die andere ist die Geschichte der Buren, die vor den Engländern abhauten über die Drakensberge. Darüber hatten wir viel im Voortrekker Monument gehört und gesehen, wo in Marmorreliefs diese zeitlich kurze, aber sehr tief sitzende Geschichte dargestellt ist. Da stellen sich die Buren dar als ein sehr frommes Volk, das sozusagen einen eigenen Kontrakt mit Gott abgeschlossen hat. Gott ist mit ihnen und sie selber fühlen sich als Gottes Volk. Solidarität mit anderen Frommen, Gemeinschaft halten (schützende Wagenburgen bauen) und soziales Engagement gehören dazu. Diese sehr individuell-persönliche duale Beziehung zwischen Gott und dem Individuum gab den Pionieren damals die Kraft zu handeln so wie sie es für richtig hielten. Auch die Schlachten wurden unter Gottes Schirm gestellt. Diese Erfahrung hat sich anscheinend in das kollektive Unterbewusstsein der weißen Südafrikaner eingebrannt, denn noch immer sehen die Menschen ein ideales Leben in der Nachfolge der Pioniere. Sie sind naturnah, naturverbunden, hart mit sich selber, fromm in ihrer sehr persönlichen Gottesbeziehung, eifrig im Gebet und im Glauben. Die Lodgen im Krügerpark sind Produkte dieser Sehnsucht nach Einfachheit und Einheit zwischen Natur und Mensch. Mein Wunsch nach Internet war unverständlich. Sie halten an ihren Lebenszielen und -idealen fest, sehen auch die anderen Lebensziele der Schwarzen und finden diese durchaus akzeptabel, jedoch eben nicht mit den ihrigen zusammenfallend. Die Apartheit entstand also nicht aus rassischen Gründen, weil die Weißen die Schwarzen verachteten und unterdrücken wollten, sondern aus kulturellen Gründen. Carmen sagte, dass ihr Vater die vielen schwarzen Angestellten durchaus geachtet und geehrt hat. Er habe sie sehr gut behandelt und ihnen das, was sie haben wollten, nach Möglichkeit zukommen lassen. Sie sollten ihren Weg gehen und die Weißen eben ihren Weg. Dann ist die Apartheit gefallen und die Schwarzen haben die Macht und damit die Definition der Ziele übernommen. Die Folge sei nun, dass sich die weiße Ordnung nach und nach auflöst und die schwarze Ordnung, die von den Weißen als Unordnung erlebt wird, an deren Stelle tritt. Mandela hat noch für die weißen Werte gearbeitet, jedoch schon sein Nachfolger Mbeki hat angeblich die Weißen gehasst, wobei er vor allem mit dem Umbau der Gesellschaft begann. Der jetzige Präsident Zuma aber ist für die Weißen ein Grauen in Bezug auf seine Politik, seine Werte, sein Leben. Für die Weißen wird es immer schwieriger, damit zu leben. Nun galt sicherlich dasselbe vorher für die Schwarzen, wie man der Gerechtigkeit halber und der inneren Logik dieser Gedanken folgend sagen muss. Dass die Weißen sich aber so wenig auf die Ziele der Schwarzen einlassen können, liegt anscheinend an dieser trotzigen Pionierhaltung, die letztlich einem Verständnis der anderen Mentalität kaum Raum lässt. Und so leben noch immer die beiden Rassen nebeneinander, verstehen sich nicht und gehen sich auf die Nerven. Die Weißen halten an ihren Traditionen, Bräuchen und ungeschriebenen Gesetzen, vor allem durch ihren Glauben geprägt, fest und die Schwarzen tun dasselbe, wobei sie jetzt die Macht haben, ihren Zielen mehr Geltung zu verschaffen.

Ob ich damit einigermaßen richtig liege? Mir geht es nicht um ein Urteil, schon gar nicht um eine Verurteilung, sondern lediglich darum zu verstehen, was die Menschen bewegt. Klar ist aber auch, dass es in der Apartheid sehr viel Ungerechtigkeiten und praktizierte Menschenverachtung  gab und die Weißen gerne den Schwarzen die Definition von deren Ziele abgenommen haben. Ich will sowas sicher nicht rechtfertigen, sondern nur verstehen, was in den Köpfen dieser frommen Menschen vor sich geht. Jetzt muss ich das alles nur noch mit klugen Südafrikanern besprechen und weiter differenzieren.

Nachdem wir uns vom Strand in Cape Vidal verabschiedet hatten, fuhren wir schnurstraks nach St. Lucia und kauften dort noch ein wenig ein. Jetzt begann der freie Teil des Aufenthaltes, der eigentlich bis morgen Abend gehen soll, jedoch unterbrochen wird mit dem Abendessen, das wir gemeinsam in einem Restaurant essen.

Zum Seitenanfang