11. November 2015, Mittwoch, Santa Lucia

Heute ist fast der ganze Tag ein Tag, an dem ich nicht in der Gruppe sein muss, sondern frei über meine Zeit verfügen darf. So ganz recht ist es Carmen nicht, denn sie saß zusammen mit allen anderen am Frühstückstisch, als ich von meinem ersten Gang in die Stadt zurück kam, und meinte, ich solle mich jetzt auch setzen, weil ich doch zur Gruppe gehören würde. Ich konnte mich wehren, eine kleine Weile dabei sein, aber dann wieder gehen. Schließlich hieß die Gruppenanweisung gestern, dass wir als Gruppe erst wieder um 16.00 Uhr zusammen finden, um gemeinsam einen Ausflug machen zu können. Dieser Anweisung entsprechend war ich heute früh der erste am Frühstückstisch und aß wieder nur Fruchtsalat aus frischen Früchten. Das ist wirklich eine Festmalzeit hier! Danach aber ging ich in die Stadt, soweit man das Stadt nennen kann. Santa Lucia ist ein kleiner Ort zwischen dem Meer und einer Geschäftsstraße, an der sich alle Restaurants und Geschäfte befinden. Hier ist eine Tankstelle und hier sind auch Banken. Hier ist aber auch ein großer Kunsthandwerksmarkt von den Einheimischen, die sich hier mit den Touristen ihr Geld verdienen. Diese Straße ist die Durchgangsstraße, durch die auch wir in den Ort fuhren und an der wir jeden Abend essen.  Das Gästehaus Avalone nun liegt an der  Parallelstraße, die dem Meer am nächsten liegt. Dazwischen liegen viele hübsche Villen und wunderschöne Grundstücke. Es ist in der Tat ein idyllischer Ort. Die Pflege wird von schwarzen Kräften erledigt. Die meisten Häuser sind Gästehäuser, einige, weniger schöne Häuser sind von schwarzen Menschen. Aber alles ist grün und gepflegt.
Meine Aufgabe heute früh war der Einkauf von Mitbringsel für Leute daheim. Aurora meinte, ich solle T-Shirts besorgen, was ich dann auch tun wollte. Also machte ich mich auf die Socken und eilte in 10 Minuten in die Hauptgeschäftsstraße. Dort fand ich auch ein Geschäft, wo es den begehrten Artikel gab. Ich suchte herum, suchte aus, legte die Größe fest, ging mit 3 T-Shirts zur Kasse, griff in meine Tasche, um den Geldbeutel zu zücken und griff ins Leere. Der Geldbeutel war nicht da. Welch ein Schreck! Ich ließ mir die Sachen zurück legen und ging bangen Herzens wieder hoch zum Hotel. Dort fand die oben beschriebene Begegnung statt, die in einer von Carmen eher nicht bevorzugten Aktivität meinerseits endete. Immerhin fand ich den schwarzen Geldbeutel ziemlich unsichtbar auf dem schwarzen Bord liegen und eilte nun erheblich erleichtert zurück in die Hauptverkehrsstraße. Nun ist das mit dem Eilen hier so eine Sache, wenn es  bereits gegen 9.00 Uhr um die 35° hat. Da sollte man eigentlich sehr sparsam mit den Bewegungen umgehen, aber was der Mensch nicht im Kopf hat, …
Ich bezahlte die T-Shirts und wechselte in den Kunsthandwerksmarkt, um dort vielleicht noch was Hübsches für die Kinder zu finden. Es wurden die Big 5, kleine, schwarze Figuren der wichtigsten Tiere Afrikas: Elefant, Büffel, Nashorn, Löwe und Leopard. Fröhlich eilte ich zurück ins Hotel, um erst einmal eine Abkühlung im Pool zu nehmen. Pause, aber nicht lange, denn schließlich wollte ich es noch schaffen, an den Strand zu gehen. Der ist ja gleich hinterm Haus – dachte ich. Also fragte ich die Wirtin Monica und sie zeigte mir auf einer Karte, wo ich lang gehen sollte, um an den Strand zu gelangen, die Hippos zu sehen und evtl. auch Krokodile. 7 km sei der Weg lang, meinte sie. Ich ahnte schon nichts Gutes, machte mich aber dennoch auf den Weg. Straße runter, rechts abbiegen, noch mal rechts abbiegen, dann Straße hoch. Da müsste der Strand sein. Ich höre das Meer, sehe aber nur Urwald und Grasland. Straße weiter. Wo ist das Meer? Straße weiter und weiter. Da ist eine offene Stelle. Ich hin. In der Ferne ist das Meer und dazwischen ein Kilometer Sand. Zurück und Straße weiter und weiter. Ich überlege schon, was ich machen kann, wenn ich zusammen klappe vor Hitze. Nun blies ein angenehmer Wind und es gab auch einige dunkle Wolken, aus denen es in Bombinhas mit Sicherheit schon geregnet hätte, hier aber nicht. Straße weiter, vorbei an einem weiteren Badestrand, Straße weiter, noch ein Badestrand. Ich schwitze, suche die Schatten. Straße weiter. Da ein Hinweis auf einen Strand, an dem man nicht baden darf. Da müssen wohl die Hippos sein. Straße weiter durch eine Düne durch. Dahinter ist nun das Meer und die Straße endet. Und jetzt? Da sehe ich, dass ganz hinten ein Holz-Hochpfad beginnt. Da müsste es weiter gehen, denke ich und laufe hin. Menschen begegnen mir. Also kann das nicht ganz falsch sein. So geht es den Pfad entlang. Plötzlich höre ich ein Motorradlärm, als wenn ein Motorradfahrer mit schallungebremstem Motor Gas gibt. Abgesehen, dass ich solche Geräusche von Bombinhas zur Genüge kenne, sind sie mir in Südafrika ebenfalls bekannt. Das sind die Hippos, die sich auf diese Weise unterhalten. Und richtig: Da lagen ein paar dieser Kolosse im seichten Wasser nicht allzu weit entfernt vom Pfad. Gerührt haben die sich aber nicht und wer da was gesagt hatte, ließ sich so nicht feststellen. Mir war aber auch – ehrlich gesagt – nicht mehr danach zumute. Wäre mir ein Nilpferd begegnet, hätte ich ihm nur gesagt: „Lass gut sein und mich vorbei. Ich tu dir nix und du tust mir nix. Will nur noch nach Hause!“

Der Holzpfad endete wieder an einem Parkplatz am Ende einer Straße, die ich nun weiter lief – fast wie in Trance. Immer weiter, immer weiter. Ab und zu scheint es rechts eine Abzweigung zu geben, jedoch keine Straße, sondern nur ein Sandweg. Immer weiter. Dann folgt rechts ein großes Gelände, die Parkhauptverwaltung des Wetland Santa Lucia. Straße weiter. Dann endlich eine Abzweigung nach rechts. Der Ort beginnt. Ich bin in St. Lucia. Der Ort zieht sich, wenn man müde ist. Aber nach einer Weile weiß ich, wo ich bin: fast unten auf der Hauptstraße, so dass ich den ganzen Weg, den ich heute schon viermal gelaufen bin, ein fünftes Mal hoch laufe. Trinken und eine kalte Dusche. Mehr war nicht mehr drin. Es war inzwischen 12.30 Uhr mittags. Schlafen! So geschwitzt habe ich an St. Martin bislang selten.

Sanddünen bis zum MeerDie Sanddünen sind bewachsen
Sanddünen bis zum MeerDie Sanddünen sind bewachsen

Der breite Sandstrand mit glühend heißem SandDer Holz-Hoch-Pfad
Der breite Sandstrand mit glühend heißem SandDer Holz-Hoch-Pfad

Lagunen und DünenLagunen und Dünen
Lagunen und Dünen

Die HipposLagunen und Dünen
Die HipposLagunen und Dünen

Straße in Santa LuciaIn diesere Straße liegt unser Gästehaus
Straße in Santa LuciaIn diesere Straße liegt unser Gästehaus

Um 15.45 Uhr sammelten wir uns, um einen gemeinsamen Ausflug auf die Lagune im Wetland Park zu machen. Wir würden vor allem viele Flusspferde sehen, aber vielleicht auch Krokodile. Der Himmel bezog sich zunehmend und ein Gewitter zog auf, das aber nicht lang andauerte und nur wenig Regen brachte. So war die Ausfahrt wirklich gelungen und ist in einem Fotoalbum festgehalten.
Zu den Hippos ist allerdings noch anzumerken, dass es sich dabei um ausgesprochen aggressive Geschöpfe handelt, die sich gerne untereinander beißen und weh tun. Die Männchen beißen oft männliche Nachkommen tot, wenn die Weibchen nicht aufpassen. Aber auch die Weibchen, die – wie die Männchen auch – gerne in Gruppen sind, müssen die ganze Zeit schwer aufpassen, welche Laune die anderen haben. Alle Tiere haben große Zähne, die lediglich zum Kämpfen gegeneinander sind, und Narben auf ihrer Haut von Prügel, die sie bezogen haben. Trächtige Weibchen müssen sich verstecken und im Versteck gebären, wenn ihre Jungen überleben sollen. Besonders die männlichen Nachkommen sind sehr gefährdet. Es ist also nicht besonders lustig, Hippo zu sein.

Gegen 19 Uhr waren wir zurück und fuhren auch gleich in ein Restaurant zum Essen. Leider dauerte die Bestellung wieder sehr lang. Ein Teil der Gruppe hatte einen Nachtausflug ab 20 Uhr geplant, so dass wir richtig in Druck gerieten. Gelöst wurde das so, dass alles Bestellte in Behälter abgepackt wurde und wir sofort wieder zurück fuhren, wo das Auto schon auf die Mitfahrer wartete. Das haben die dann gerade noch geschafft. Wir anderen, die wir zurück blieben, haben in unserem Gästehaus gegessen. Aber so hatte sich niemand unseren letzten Abend in St. Lucia vorgestellt. Aber erstens kommt es anders, zweitens als man denkt.

Übrigens vergaß ich zu berichten, dass hier in Südafrika wie in Swaziland Linksverkehr herrscht. Ich hatte den Eindruck, dass ich mich daran gewöhnen könnte. Woran ich mich aber niemals gewöhnen kann, ist die Tatsache, dass es auch in diesem Land die von mir verabscheuten Federbrecher, jene unsäglichen Schwellen auf der Straße, bei deren zu forschen Überfahren man an der Autodecke klebt und die Federung des Autos kaputt macht, gibt. Ich fasse es nicht!

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