15. November 2015, Sonntag, Bei Schillers

Heute ging nun der erste Abschnitt der Reise zu Ende: die Rundtour. Um 16.00 Uhr kamen beide Busse und holten Joachim ab. Ich winkte ihnen hinterher.

Bis dahin allerdings war noch einiges los. Vor allem begann der Tag sehr früh. Schon um 5.30 Uhr wachte ich auf, denn der Bus sollte uns um 6.30 Uhr abholen, um uns zu einem Gottesdienst in einer schwarzen Pfingstgemeinde zu bringen. Bis dahin aber brauchten wir mehr als 1 Stunde Fahrzeit. Peter war schon aufgestanden und hat uns Frühstück gemacht. Damit waren wir besser als die anderen, die ohne Frühstück vom Bett in den Bus purzelten und die später einen entsprechenden Hals geschoben haben. So ging es also los in die Kirche. Die Kirche sah von außen mächtig und groß aus. Im Erdgeschoss waren ein paar Räume und vor allem viel Platz für Autos. Wir parkten ein und wurden durch einen engen Gang in ein Wartezimmer für Besucher geführt und erst einmal abgestellt. Man würde sich beizeiten um uns kümmern. Nach einer Weile wurden kalte Getränke serviert, bevor wir dann im Flock in die Kirche geführt wurden. Die Kirche selber also lag in den Stockwerken darüber. Sie war sehr groß, hatte eine Empore und eine riesige Bühne vorne. Einen Altar gab es nicht, dafür viel Platz für die Musik, die aus einem Bassisten, einem Pianisten und einem Drummer plus 6 Damen, die sich wiegend sangen. Die Musik war gut zu hören. Ich glaube, sogar taube Menschen hätten sie gehört. Wir marschierten in einer langen Schlange ein und wurden gleich in die 2. Reihe gesetzt. Wir waren ja so eine Art Ehrengäste, wobei die eigentlich in der ersten Reihe ihre geschmückten Plätze hatten. Doch war da für uns nicht genug Platz. Carmen hatte uns schon vor der Lautstärke gewarnt. Aber was uns da geboten wurde, übertraf alle Erwartungen, so dass ich mich gar nicht erst setzte, sondern den Raum abschätzte, wo man am wenigsten unter Beschuss der 100.000 Watt Anlage, die uns stramm in 5 m Abstand ins Vezier nahm. Ich fand meinen Platz rechts in der Ecke hinter den Lautsprechern. Hier ging es einigermaßen, vermutlich knapp unter der Schmerzgrenze. Aber das ist ja auch nicht so schlimm, weil man nicht das Gerede der Nachbarn hört, sondern sich auf sich selber konzentrieren kann. Der Gottesdienst hatte noch nicht begonnen und wir schunkelten und tanzten jeder für sich oder in einer Art von Kirchenpolonaise, die sich für jeden Titel neu formierte. Vorneweg ein paar ältere Damen im tänzelnden Schritt und mit verklärter Mine. Ich selber schloss mich als einziger der Gruppe – ich saß ja auch außerhalb – einer solchen Polonaise an, was bei den Kindern, hinter denen ich her tanzte, Irritation auslöste. Sie drehten sich ständig um, versuchten, meine Nähe zu meiden und sahen verunsichert aus. Macht nichts, denn der Tanz war bald fertig und ich ging an meinen Platz.
Der Gottesdienst begann, indem zunächst die Gäste kurz vorgestellt wurden. Das war natürlich auch ein großer, wichtiger Auftritt für Carmen, die sich vor den Menschen dort gut präsentieren konnte. Der Applaus für die deutschen Gäste war verhalten. Aber man ist ja nicht unhöflich. Wieder setzt die Musik ein, alles tanzt – außer den meisten Deutschen. Dann kam so langsam der Pfarrer, ein kleiner, rundlicher Herr mit freundlichem Gesicht. Er zögerte auch nicht lange und die Predigt begann. Text war 1. Korintherbrief  11, die Einsetzung des Abendmahls. An viele Einzelheiten der Predigt erinnere ich mich jetzt nicht, denn das meiste habe ich nicht verstanden. Das lag vor allem daran, dass das Wort Gottes unbedingt gebrüllt werden muss und dann auch noch verstärkt bis jenseits der Schmerzgrenze. Es waren aber recht einfache Gedanken, dass Jesus einen liebt, dass man sein Leben ohne ihn nicht im Griff hat usw. Alles in einem auf- und abschwellenden Crescendo bis 150 Phon Lautstärke und pro Satz 10 mal wiederholt, wobei eine Dame dem Pfarrer hinterher ging, um seine Worte unmittelbar in die dort herrschende Sprache der Menschen zu übersetzen. Der Pfarrer selber sprach englisch. Die Leute schrieben teilweise seine Erkenntnisse mit. Das fand ich gut und wäre sicherlich auch in Deutschland mitunter empfehlenswert. Dabei – so muss ich zugeben – habe ich selten die frohe Botschaft in so einfache Sätze verpackt, dass sie leicht mitgeschrieben werden konnten. Mein Pech. So hat niemand Aufzeichnungen von meinen Predigten – außer ich selber.
Nach der Predigt aber gab es auch das Abendmahl. Es wurde an alle Leute ein winziges Plastikbecherchen mit etwas Saft verteilt und ein Stück Mazen. Gierig, wie ich bin, habe ich beides, wenn auch in Andacht, gleich zu mir genommen, um dann festzustellen, dass ich nicht abgewartet hatte, bis alle gleichzeitig essen und trinken. Da war nun alles zu spät. Aber ich hatte dennoch mein Abendmahl bekommen und fand das gut und schön. Ich spürte auch darin die Verbundenheit mit diesen Geschwistern, die wie ich Geschöpfe Gottes sind und wie ich ein Atemzug Gottes. Wir sind eins, wären es aber auch ohne den ohrenbetäubenden Lärm gewesen.
Ganz zuletzt wurde dann auch noch Kollekte eingesammelt. Und dann war der Gottesdienst nach rund 1,5 Stunden fertig. Geschafft. Die Gruppe wurde gemeinschaftlich im Gänsemarsch herausgeführt, wobei sie mich zunächst vergaßen, weil ich außerhalb saß. Aber dann wurde ich dennoch geholt und wir kamen in einen anderen Warteraum, bekamen nach einer Weile wieder Getränke. Der Pfarrer kam und fragte, ob es zu laut gewesen sei, woraufhin wir ihm sagten: „Ja!“. Katrin, eine Teilnehmerin unserer Gruppe, saß dabei und schob Hunger. Sie war schon ganz rot vor Ärger. Kritische Worte waren auch von Simone zu hören. Aber das hat ja nur die Gruppe verstanden und Carmen rief zur Toleranz auf, was natürlich Katrin auch nicht satter machte. Dann aber kam die Dame, die uns begrüßt hatte und die wohl die Pfarrfrau ist, und holte uns zu einem Mittagessen ab. Da war aller Ärger verflogen, zumal es gut schmeckte. Gegen 12.30 Uhr verließen wir dann die Kirche, stiegen in die Busse. Ulli setzte seinen Bus noch gegen einen Pfosten, so dass die Rücklichter kaputt waren. Da war immer alles gut gegangen – bis jetzt. Gut, dass die Versicherung einspringt.

Rückfahrt zu den Gastfamilien, wo das Packen für die Gruppe angesagt war. Joachim bat noch Peter und Agnes darum, ein metallenes Warzenschwein kaufen zu dürfen, weil er das jemandem versprochen hat. So fuhren die drei noch mal los und Joachim zeigte mir hinterher stolz seine Schweine, die jetzt im Koffer verschwanden. Ich selber zog es vor, ein Mittagsschläfchen zu halten, was mir auch locker gelang. Pünktlich um 16 Uhr wachte ich auf, trank noch eine Tasse Kaffee und aß etwas von leckerer Pai. Agnes hatte sie mir gebacken. Herrlich! Dann kamen auch schon die anderen mit den beiden Bussen und jetzt galt es, endgültig Abschied zu nehmen. Das war doch schwieriger und emotionaler als gedacht.

Allein. Kein Joachim, dessen etwas raue Stimme mit dem munteren Redefluss mich die ganze Reise begleitet hatte. Agnes, Peter und ich sind da schweigsamer und ich brauche auch das Schweigen. Immerhin ist eine Erkenntnis dieser Reise, dass ich bedeutend öfter die Klappe halten sollte. Besonders beim Hinterfragen auf Schlüssigkeiten in Glaubensfragen sollte ich mich mehr zurückhalten, denn ich habe den Eindruck, als wüssten die, die ich hinterfrage, auf meine Fragen auch keine Antworten. Auch der Versuch, über Rassismus oder Apartheit zu sprechen, sollte nicht gemacht werden, denn da haben die Menschen ihre Standpunkte, die so tief in ihnen sitzen, dass Verletzungen gar nicht ausbleiben können. Ich werde also in einer Gruppe niemals über diese Dinge sprechen oder gar eine Diskussion anfangen.
Die deutsche Flüchtlingsfrage wird von vielen vor allem unter dem Aspekt der Angst vor dem Islam betrachtet, zumal ja gestern diese furchtbaren Anschläge in Paris waren, die sogar der Pfarrer in der Kirche ansprach. Die geäußerte Angst ist real und darum ernst zu nehmen. Mein Gedankengang, dass es sich bei den Flüchtlingen vor allem um Menschen, die Traumatisches mitgemacht haben, das eben von denen ausgeübt wurde, deren Komplizenschaft wir sie verdächtigen, handelt, wird gehört, findet aber keine weitere Beachtung. So haben die frommen Christen einen schweren Stand in der Welt, weil sie um ihr Christentum fürchten. Was aber ist ein Christentum wert, das vor den Moslems kapitulieren muss. Reichen denn das Gottvertrauen und das Vertrauen in die Botschaft nicht, um sich dieser Gefahr zu erwehren? Sollte ich sowas anmerken? Ich glaube, dass ich besser den Mund halten soll.

Soweit die Zwischenbemerkungen. Der Tag ist ja noch nicht fertig, denn gegen 18 Uhr tauchte die Familie Strydom (ausgesprochen: Straidem) auf: Papa Hannes, Mutter Ingrid (1.2.7.3.) mit den beiden Kindern Geordan (1.2.7.3.1.) und Kymberley (1.2.7.3.2.). Welch eine hübsche, wundervolle Familie! Da kann Agnes wirklich stolz drauf sein. Wir haben miteinander geredet und sind dann zusammen schwimmen gegangen in dem familieneigenen Pool. Das Wasser im Pool ist ziemlich kühl. Aurora wäre da niemals rein gegangen. Ich aber schon und die Strydoms und Schillers ebenso. Das war ein hübsches Geplansche mit viel Spaß. Und als wir uns dann wieder salonfähig gemacht hatten, gab es noch Tee und dann einen Spaziergang zu den Strydoms, die gar nicht weit weg ihr Haus haben. Hannes ist irgendwas im Quality-Management. Geordan geht auf eine englische Privatschule und Kymberly auf eine afrikaans Schule. Hannes zeigte mir ihr wunderschönes Haus mit einem ebenso schönen Garten drum herum. Auf dem Grundstück steht eine riesige Palme, durch die man die Lage des Hauses von weit her erkennen kann. Hannes spielt Schlagzeug und hat es im oberen Stockwerk aufgebaut. Ingrid kann gut malen. Sie hat Kymberly gemalt und ich habe das sofort erkannt. Die beiden Kinder haben jeweils ihr Zimmer, ein typischen Jungen- und Mädchenzimmer. Kymberley spielt außerdem seit einem Jahr Guitarre und hat mir etwas vorgespielt. Übrigens gehören zum Haushalt noch zwei Hunde, der große, gelbe Bongal und der kleine, lebendige Terrier Jerry.

Abends saßen wir „Alten“ noch mal zusammen und tauschten uns aus bei einem Glas Rotwein. Jetzt wird also der Familienteil der Reise beginnen. Ich bin schon sehr gespannt. Agnes organisiert alles. Als erstes hat sie für morgen früh ihren etwas älteren Bruder Ernst-Albrecht und seine Frau angerufen. Morgen früh ab 7 Uhr wollen die mich abholen. Ich werde dort übernachten.

Ingrid Strydom mit Hund JerryHannes Strydom
Ingrid Strydom mit Hund JerryHannes Strydom

Geordan StrydomKymberly Strydom
Geordan StrydomKymberly Strydom

Kymberly mit BongalNoch mal Kymberly
Kymberly mit BongalNoch mal Kymberly

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