18. November 2015, Mittwoch, Pretoria

Ruhetag. Heute habe ich keine neuen Verwandten kennengelernt. Das muss auch mal sein. Dafür ist heute dran, Pretoria ein wenig näher kennenzulernen und Mitbringsel für daheim zu besorgen. Das ist eigentlich kaum noch nötig, weil ich bereits eine Menge davon habe. Aber dennoch habe ich das Bedürfnis dazu, weil ich mich mit dieser Reise sehr privilegiert fühle und die Daheimgebliebenen, besonders Aurora, daran Teil haben lassen möchte. Von dort kommen nicht nur traurige Nachrichten, sondern auch die vorsichtig-fröhliche Nachricht, dass die Fahrerei Aurora mehr Spaß zu machen scheint als erwartet. Sie steigt anscheinend gerne in unser Auto und fährt mit fahrkundiger Unterstützung anderer herum. Heute konnte ich sie sogar sehen, wie sie gerade mit Malvina an ihrer Seite Auto fuhr. Wie schön!

Etwas beschäftigt mich hier auch noch sehr, und das sind Kommunikationsstrukturen. Ich habe oft das Gefühl, missverstanden zu werden, wenn ich meine neugierigen Fragen stelle. Das geht etwa so:
Ich: „Wie viel Uhr ist es?“ – Antwort: „Du musst immer so hetzen!“ Dahinter steckt offenbar ein ganzer Dialog, der von der antwortenden Person wie folgt erlebt wird: Hans-Georg: „Wie viel Uhr ist es?“ – Antwort: „Warum willst du das wissen?“ – Hans-Georg (wird vermutet): „Ich habe es eilig.“ – Antwort (still): „Ich habe aber Zeit.“ Und laut: „Du musst immer so hetzen!“ Ich selber aber wollte nur wissen, wie spät es ist, weil ich keine eigene Uhr habe.
Dieses Beispiel ist nur ein kleines. Da gibt es etliche Beispiele vor allem von der Rundreise, die dann schlimmer ausfielen, so dass ich es vorzog, eher den Mund zu halten als zu fragen. Besonders kritisch wird es dann, wenn ich versuche, den tiefen Glauben der Menschen hier zu erkunden und zu verstehen. Das wird leicht als Angriff auf das Innerste erlebt, wobei ich es gar nicht so meine. Natürlich kann ich mir ein Bild von dem machen, was ich sehe und höre, ohne nachzufragen, aber dann tue ich im Grunde nichts anderes als die, die auf Fragen nicht antworten, sondern gleich einen ganzen Dialog führen, bei dem vor allem Wertungen, Beurteilungen und gar Verurteilungen eine wichtige Rolle spielen, um dann das Ergebnis davon laut zu äußern. Dieses Ergebnis hat eigentlich nichts mit meiner Frage zu tun. Es erstaunt mich immer wieder, was in Menschen vor sich geht.

Heute früh hatten Agnes und ich einen Austausch über Familientraditionen bezüglich Kommunikationsstrukturen, weil ich gestern intensiv den Unterschied zwischen den Umgangsweisen von 3 Familienzweigen unserer Sippe, die aufeinander treffen, empfand: te Reh, Teichler und meine, also die der Dörings. Die einen haben eine humorvolle, aber scharfzüngige Art, die anderen ziehen die Nichtkommunikation über strittige Themen vor, die dritten suchen den Ausgleich. Natürlich gilt das nicht automatisch für alle Mitglieder der jeweiligen Familien – dazu kenne ich sie nicht genug – sondern nur um den Versuch, Kommunikationsstrukturen zu verstehen, ohne sie zu bewerten. Klar ist natürlich, dass ich für mich selber (m)eine Methode am besten finde. Die anderen haben aber auch ihre Berechtigung und ich versuche, die zu verstehen, die sich ihrer bedienen. Alle Methoden haben Vorteile und Nachteile. Alle Methoden folgen ihren Werten, die sie am höchsten halten.

Noch etwas beschäftigt mich, und das ist das Empfinden für die Ästhetik der Natur. Andreas sagte gestern, dass er so sehr die hiesige Natur liebt. Das war für ihn sogar der Hauptgrund, nach Südafrika zu ziehen. Ebenso habe ich Erni (Ernst-Albert), Agnes und viele andere hier erlebt, die jeden Vogel, jede Blüte benennen können und deren Liebe zu der sie umgebenden Natur oft einen Ausdruck findet. In Deutschland finde ich diese Naturliebe ebenfalls oft, wenn z.B. meine Freundin und Cousine Kajsa ihre Vögelchen im Baum vor ihrem Fenster beobachtet. Natürlich gibt es sowas auch in Brasilien, wo z.B. unser Freund Rudi sich auf seiner großen Terrasse liebevoll um seine vielen Pflanzen sorgt, oder Reginaldo mit seinem Garten, jedoch blüht dort nicht so viel wie in Südafrika und man kann auch nicht jeden Vogel, jede Pflanze, jedes Insekt benennen. Viele Brasilianer pflanzen keine Gärten, sondern pflastern die Vorhöfe, um Platz für die Autos zu schaffen. Die Grundstücke in Bombinhas sind viel zu klein gehalten, um dort auch nur annähernd einen ästhetisch schönen Garten anzulegen – außer bei Reginaldo ganz am Rande des Ortes. Das Verhältnis zur Natur ist in Brasilien distanzierter als in Südafrika, auch wenn wir dort eine sehr reiche Natur haben. So bin ich in der Tat sehr begeistert von den enorm schönen Anlagen in Südafrika und ich würde den Südafrikanern ohne Abstriche einen Sonderpreis für Ästhetik der Natur verleihen,  wie ich heute wieder feststellen konnte.

Schließlich beschäftigt mich, dass wir sowohl in Brasilien, als auch in Südafrika eine sehr große deutschstämmige Bevölkerungsschicht haben. Der Unterschied ist, dass hier in Südafrika die Menschen noch viel Deutsch sprechen und einen regen Austausch mit Deutschland haben. Viele junge Leute haben schon Jahre in Deutschland verbracht und sind zurück gekommen, um hier zu leben. Wie anders ist da Brasilien, wo im 2. Weltkrieg das Deutschsprechen stark geahndet und bestraft wurde, und wo dadurch diese Tradition gänzlich verloren ging. Man hat zwar deutsche Vorfahren, spricht aber kein Wort Deutsch oder nur eine Art Dialekt, der mit vielen portugiesischen Wörtern versetzt ist. Längere Lebensphasen in Deutschland zu verbringen, machen deutschstämmige Brasilianer eher selten. Man ist zwar deutschstämmig, aber Brasilianer. Es gibt also einen großen Unterschied zwischen den Deutschstämmigen in Südafrika und Brasilien.
Bequemer für mich ist sicherlich die südafrikanische Tradition, weil ich mich hier fast wie in Deutschland bewegen kann. Andererseits erinnert mich das an die Tradition der Türken in Deutschland, die auch nach Generationen noch immer vor allem Türkisch sprechen, türkische Traditionen pflegen und enge Kontakte in die Türkei pflegen. Das erlebe ich in Deutschland eher als Mangel an Integrationswillen. Lässt sich nun die deutsche Tradition in Südafrika mit der türkischen Tradition in Deutschland vergleichen? Sicher gibt es große Unterschiede – vor allem darin, dass alle Deutsche hier auch noch mindestens Englisch, Afrikaans und eine Eingeborenensprache sprechen können - aber den Gedanken daran sollte man vielleicht zulassen. Ich selber finde die brasilianische Integration, auch wenn sie mit Blut geschrieben wurde, am besten. Da feiern die Deutschstämmigen in Blumenau ein Fest, das Oktoberfest. Und es ist ein sehr typisch brasilianisches Fest mit viel Alegria, Lebensfreude und Menschenfreundlichkeit, obwohl es ein Fest der Deutschstämmigen ist. Sie singen deutsche Lieder, deren Texte sie nicht verstehen und interpretieren sie auf ihre brasilianische Weise. So wird aus Zicke-Zacke ein Siggi-Saggi. Aber ehrlich gesagt: So sind wir Deutsche eigentlich nicht drauf. Diese Art von Fest ist Brasilien, wie man Brasilien liebt.

Nun also zu dem heutigen, ruhigeren Tag ohne neue Begegnungen. Agnes hat mich auf meinen Wunsch hin nach Pretoria gefahren und mich hier an die wichtigsten Stellen gebracht. Wir fuhren zunächst los zur Post, weil Agnes eine Menge Briefe dorthin bringen wollte. Vor der Post hatte eine schwarze Frau etliche Batik-Tischläufer ausgestellt, die uns beiden sehr gut gefielen. Ich kaufte gleich mal drei davon und Agnes zwei. Jetzt haben wir also Geschenke für gute Gelegenheiten. Zufrieden zogen wir weiter in ein Einkaufszentrum, wo ich Geld abhob: 2.500 Rand = 170 Euro. Davon geht das meiste für die Shuttle-Fahrt von Durban nach Pietermaritzburg und zurück. Sodann erstanden wir noch einige südafrikanische Kalender, die ebenfalls ein repräsentatives Geschenk abgeben können. Zufrieden verließen wir das Einkaufszentrum und fuhren zum Parlament. Das ist ein sehr repräsentativer Bau mit enorm vielen chinesischen Touristen davor und etlichen Stände mit einheimischem Kunsthandwerk. Dieses Mal griffen wir dort nicht zu, sondern gingen sowohl zu einer etwas zu groß geratenen Statue von Mandela und machten den Versuch, das Parlament zu besichtigen. Das aber sei auf keinen Fall möglich, wurde uns am Eingang beschieden. Wir haben das sofort verstanden, denn was geht schon das gemeine Volk das Parlament an. Das hat schließlich mit sich selber genug zu tun. Da stört nur die Neugier. Die Anlagen um das Parlament herum aber waren gut gepflegt und boten eine gute Aussicht auf die Stadt Pretoria bis hin zum Voortrekkerdenkmal. Übrigens hat Agnes ganz in der Nähe gewohnt, als sie ihren Peter kennenlernte. Das ist nun schon eine Weile her.

Vom Parlament aus fuhren wir in den botanischen Garten von Pretoria, einer wunderschönen Gartenanlage etwas am Stadtrand gelegen. Hier tranken wir erst eine Tasse Kaffee und aßen ein leckeres (in Südafrika ist übrigens enorm viel „lekker“, von Kuchen bis Kleidungsstücke, eben alles, was genießbar ist) Stück Käsekuchen, um dann im Garten herum zu laufen. Es gibt hier nicht nur sehr viele Pflanzen, sondern auch den Klippdachs zu sehen. Einen solche bekamen wir auch zu Gesicht. Doch was erzähle ich? Man sehe selber im Fotoalbum nach.

Nachdem wir im botanischen Garten gewesen waren, haben wir Peter an seiner Arbeitsstelle besucht. Wir hatten das Gebäude, in dem er arbeitet, schon vom botanischen Garten aus gesehen. Zu meiner Überraschung ist auch seine Tochter Ingrid Strydom dort beschäftigt. Sie hatte etwas mehr Zeit für uns als Peter und zeigte uns, was sie an technischen Zeichnungen im Computer erstellt hatte. Das war für mich, der ich gerne am Computer sitze, eine spannende Sache. Lange aber durften wir nicht stören, so dass wir jetzt in ein besonderes Restaurant fuhren, das sich mitten in einem Gartencenter befindet. Dieses Gartencenter ist nicht nur ein Verkaufsraum, sondern ein ästhetisches Naturerlebnis mit vielen harmonisch angeordneten Pflanzen, Teichen, Wasserfällen, Tieren und Kindererlebniszonen. Mitten drin ist dann ein geräumiges Restaurant. Diese lebendige Harmonie ist umwerfend schön, weil es in Südafrika eine so unglaubliche Vielfalt an wunderschönen Gewächsen plus einen Sinn für das Ästhetische gibt. Schade, dass wir sowas in Brasilien nicht finden, denn es wäre auch dort möglich.

Daheim hatten wir nun kein Programm mehr und ich konnte in aller Ruhe die Bilder sortieren und den Bericht schreiben. Abends, nachdem Peter zurück war, haben wir dann noch die Fotos, die ich bisher gemacht hatte, angeschaut. Es sind in der Tat unglaublich viele, so dass sie auch im 5-Sekunden-Rhythmus einen ganzen Abend lang in Anspruch nehmen.

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