21. November 2015, Samstag, Pause

Es ist wirklich putzig mit den Teichlern. Wie sie auch alle so verschieden sind, sind sie doch eine Familie und darin alle einig und geradezu vorbildhaft, wobei ich darin auch Parallelen zu meiner Familie sehe. Heute früh hatte ich mit Lothar und Barbara eine schöne Unterhaltung, bei der ich immer mehr verstehe, wie diese Familie tickt. Die Hauptsache ist erst einmal, dass alle zusammen halten und gut umeinander Bescheid wissen. Man kennt sich und liebt sich aufrichtig! Und man stellt dabei fest, dass es auf zwei Gebieten durchaus divergierende Standpunkte gibt, die teilweise diametral entgegengesetzt sind. Dabei geht es um die Politik und den Glauben. Fängt man bei einer dieser beiden Themen an zu diskutieren, ist der Konflikt vorprogrammiert. Da sie sich aber auch hier genau kennen und wissen, wie der andere denkt und tut, passieren lustige Sachen. So sagte Agnes heute am Telefon zu ihrer Schwester Barbara: „Bitte predige ihn (also mich) nicht an!“ Wie kommt Agnes nur auf die Idee, dass sowas passieren kann? Agnes weiß genau, dass Barbara sehr gerne predigt und einen großen Missionseifer hat. Denn ihr Glaube ist ihr sehr wichtig und den will sie darum besonders denen, die sie gern hat, vermitteln. Barbara erzählte, was Agnes ihr am Telefon gesagt hatte. Ich musste lachen, Barbara ist das etwas peinlich, denn sie weiß ja, dass sie sowas gerne macht. Und Lothar meint, Barbara würde das sowieso machen, ob mit oder ohne den Segen von Agnes. Aber – so die Bitte von Barbara – bitte nicht weiter darüber sprechen, was im Prinzip gar nicht nötig ist, weil ja alle sowieso Bescheid wissen, wie der andere tickt.
Ähnlich läuft das mit der Politik und dem Verhältnis zur vergangenen Apartheid oder zur Gestalt und Bedeutung von Mandela. Über beides gehen die Meinungen weit auseinander, alle wissen um alle Bescheid und sie lieben und ehren sich, aber sprechen nicht darüber, weil sie sich dann ja nicht mehr gleichermaßen lieben und ehren könnten. Beim Mittagessen habe ich dann von Lothar eine typische Teichlergeschichte erzählt bekommen: Als sich Beate über ihre Schwester Barbara ärgert und die wegläuft, schreit sie ihr hinterher: „Bleib stehen, damit ich dich hauen kann!“ Man mutet sich gegenseitig etwas zu, aber mutet es sich dennoch nicht zu, weil man sich liebt. Ein wenig gibt es sowas auch bei uns, wenn z.B. mein Bruder Frank ein Statement über Paulus abgibt, ich hoch fahren will und Schwager Christoph mir zu raunt, ich solle besser ruhig sein. Mein Schwager Christoph wäre ein guter Teichler in vielen Beziehungen. Wie gut, dass wir solche Menschen haben sowohl zum Lieben, als auch zum Abarbeiten. – Wahrscheinich bin ich selber auch so einer.

Der Vormittag verlief mit Gesprächen und viel Ruhe. Zum Mittagessen gingen wir wieder an den Ort, wo wir gestern waren und aßen gut. Danach versuchten wir, zu einem indischen Stoffgeschäft zu fahren, um eventuell dort nach Patchworkstoffen für Aurora zu schauen. Als wir kamen, war der Laden gerade dabei zu schließen. Lothar machte ein treues Gesicht, sprach über Brasilien und ‚nur kurz da‘ und ‚Patchwork‘ usw., weswegen wir dennoch rein gelassen wurden. Drinnen fragten wir dann nach diesen Stoffen und bekamen die Auskunft, dass man hier leider keine Baumwollstoffe habe. Ich glaube, das war eine modifizierte Wahrheit, die dem Zweck diente, jetzt Feierabend machen zu können. Also wendeten wir dem Geschäft den Rücken und fuhren heim, um uns hier einem ausführlichen Mittagsschlaf hinzugeben.
Der Nachmittag verlief dann auch recht gemütlich, indem ich Lothar viele Bilder unserer Altvorderen zeigte, die ihn besonders wegen der Missionsgeschichte sehr interessierten. Barbara war derweilen beim Tennisspielen. Das macht sie noch immer wöchentlich zweimal. Und natürlich gewinnt sie dann auch immer, obwohl sie die Älteste auf dem Platz ist. Nichts anderes hätte ich von ihr vermutet.

Der Abend wurde dann recht kurz, weil beide Buchhorns noch beschäftigt waren vor dem morgigen Gottesdienst. Den werde ich nun bei der Stadtmission erleben.

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