25. November 2015, Mittwoch, Kenosis

Das ist nun der vorletzte Tag in Südafrika. Morgen darf ich wieder heim zu Aurora und den Katzen. Ich habe Sehnsucht nach ihnen, wobei das keineswegs ein Zeugnis wider die Teichlers ist, sondern einfach nur so, weil diese Reise bekanntlich mit Aurora geplant war und nicht ohne sie.

Diese letzten beiden Tage sind ziemlich gefüllt mit Aktivitäten. Das zeigte sich auch gleich heute früh, als ich schon gegen 6 Uhr aus dem Bett fiel und Monika ebenfalls aus dem ihrigen. Sie wollte gleich früh zum Friseur gehen, hatte einen Termin bekommen. Also verschwand sie noch vor dem Frühstück dorthin und wir warteten danach gemeinsam auf ihre Tochter Gertrud Tönsing (1.2.1.3), Pfarrerin der lutherischen Kirche in Durban. Sie kam etwas verspätet zusammen mit einer Verwandten ihres Mannes Detlev, die aus Pretoria zu Besuch war. Erst gegen 9.30 Uhr fuhren wir los und mussten deswegen einige Abstriche von dem ehrgeizigen Tagesprogramm machen. Ich schlug vor, nicht zum Mandela-Denkmal zu fahren, sondern zu Kenosis, der Gründung von Gunther Wittenberg, Monikas Mann. Dieser Vorschlag wurde gerne von allen akzeptiert und so fuhren wir aufs hügelige Land in diese kleine Kommunität. Kenosis ist vor allem ein Ort, an dem heimatlose Kinder, zumeist Waisen, aufgenommen und in kleinen Familiengruppen aufgezogen werden. Es gibt dort eine Kirche, ein Pfarrhaus, einfache Verwaltungsgebäude und andere Funktionsräume, die heute leider nicht mehr alle in gutem Zustand waren. Es hatte nach Gunthers Ausscheiden einige Probleme mit seiner Nachfolge gegeben, die machten, dass ein Teil der Arbeit abgestoßen werden musste, ein Teil aber auch stagniert. Abgestoßen wurde der Retreat-Teil, was Monika sehr schmerzt, weil es schöne Gebäude waren. Stagnieren tut die Gründung der Schwesternschaft, die über die vorhandenen 3 Diakonissen nicht hinaus kommt. Vorhanden aber sind noch die kleinen Häuschen, in denen die Familiengruppen mit den Kindern leben und wir sahen auch Kinder und ihre Pflegeeltern. Hinter dem Gelände ist dann noch ein Kindergarten, in den wir gerade zur zweiten Frühstückszeit kamen. Die Kinder hier in Afrika sind ganz anders als die in Europa oder Brasilien. Sie saßen ganz still vor ihrem Schälchen, grüßten lieb und warteten, das Tischgebet gemeinsam zu sprechen. So viel Bravheit habe ich selten erlebt. Es ist mir fast unheimlich. Aber der Kindergarten wies auch ein großes, mit Geräten gut bestücktes Außenspielgelände auf. Das Gelände liegt in einer freien Natur. Es gibt Gärten, auch einen recht großen Gemüsegarten und den Menschen, die hier leben, scheint es gut zu gehen. Und hinter der Kirche hat man einen weiten Blick in das gebirgige Land. Dieser Ort hat also eine gute Lebensqualität und ich verstehe Monika, die hier 7 Jahre lang mit ihrem Mann sehr gerne gelebt hat.

Kirche von KenosisGertrud Tönsing
Kirche von KenosisGertrud Tönsing

Kindergarten von KenosisKinder im Kindergarten
Kindergarten von KenosisKinder im Kindergarten

Eine Diakonisse ist KindergartenleiterinDie Häuser, in denen die Kindergruppen wohnen
Eine Diakonisse ist KindergartenleiterinDie Häuser, in denen die Kindergruppen wohnen

Blick von KenosisDas Kreuz in der Universitätskirche
Blick von KenosisDas Kreuz in der Universitätskirche

Inzwischen war es schon recht spät geworden, aber Gertrud fuhr uns noch durch das Zentrum von Pietermaritzburg. Hier steht ein sehr hübsches, großes, Backstein-Rathaus. Ihm gegenüber zeigte mir Monika die Stelle, an der sie gezwungenermaßen einsam demonstrierte, weil ihr damals verboten worden war, sich draußen mit mehreren Leuten zu treffen. Hier ist auch ein Gandhi-Denkmal, weil Gandhi aus Pietermaritzburg stammt. Auf dem dortigen Bahnhof war er auch einst aus dem Zug gezogen worden, weil er in einem weißen Abteil saß. Das Stadtzentrum ist ein sehr hübsches, lebendiges Zentrum, in dem zu stöbern sich sicher lohnen würde, wenn es Parkplätze gäbe. Das aber war nicht der Fall, so dass wir überall langsam vorbeifahren mussten.
Weiter ging es zur Universität und der lutherischen Fakultät, die von Gunther Wittenberg aufgebaut worden war, um lutherischen Pfarrer zu ermöglichen, im Land und ohne Rassenschranken studieren zu können. Sein Schwiegersohn Detlev hat diese Arbeit weiter geführt, jedoch muss die Fakultät jetzt schließen, bzw. sich einer anderen Fakultät anschließen, weil die finanziellen Mittel fehlen. Wir besuchten also die Fakultät und die kleine Studentenkirche, die sozusagen nur noch auf Abruf bestehen. In der kleinen Kirche aber hängt ein besonders Kreuz, das die Arbeit der Fakultät gut symbolisiert, weil in ihm schwarze und weiße Menschen integriert das Kreuz bilden und auch der Gekreuzigte in sich beide Rassen vereint.
Letzte Station dort waren die Büros von Pacsa, der Friedensorganisation, mit der Monika früher ihren Widerstand gegen die Apartheid organisierte.

Ich habe dann die drei Frauen zum Mittagessen eingeladen, das wir in einem kleinen Café in der Nähe von Monikas Heimstadt aufsuchten. Danach fuhren wir zu ihr, um noch eine Tasse Kaffee zu trinken. Dazu kam ich aber nicht mehr, denn mein Shuttle kam eine halbe Stunde zu früh bereits um 14.30 Uhr und wir fuhren gemeinsam zum Flughafen nach Durban, wo wir dann entsprechend zu früh ankamen. Warten. Erst habe ich gelesen, dann am PC geschrieben. Als ich damit fertig war, wollte ich mal überprüfen, ob noch alles am Platz war. Ich habe da meine Erfahrungen mit mir selber … Pass: Wo ist der? Ah ja, in der rechten, unteren Tasche. Bordingcard: Aurora kümmert sich immer darum. Sie ist jetzt beim Pass. Kamera: Ich verliere die gerne mal, aber sie ist oben links in der Hosentasche. Geldbörse mit Kreditkarte: Die ist wohl oben rechts in der Hosentasche. Nein, das ist doch die Kamera. Wo ist die Geldbörse? Alle Taschen werden durchwühlt. Keine Geldbörse. Ich schaue unter meinem Sitz, drum herum, versuche, mich zu erinnern, ob mich jemand angerempelt hat. Hm! Geldbörse ist weg. Ach du (hartes Wort für weiche Masse)! Wann war sie noch da? Bei der Sicherheitskontrolle. Also Sachen gepackt, denn das Einchecken sollte erst in 20 Minuten beginnen. Hin zur Sicherheitskontrolle. Dort wurde ich sofort freundlich empfangen und man zeigte mir eine Bordingcard, die nicht meine war. Aber darunter lag nicht nur meine Geldbörse, sondern auch mein Handy – hatte ich noch gar nicht vermisst! – und meine Tempotaschentücher. Ach du meine Güte! Ich hatte alles bei der Kontrolle vergessen. Nervös holte ich eine Visitenkarte aus meiner Tasche, zeigte sie vor und man händigte alles aus. Welch eine Erleichterung! Ich schwor mir, nie wieder ohne Aurora irgendwo hin zu fahren. Mit ihr wäre mir das nicht passiert. Immerhin kehrte nun etwas Ruhe bei mir ein, der Flug ging gut und ich wurde am Flughafen von Pretoria von Agnes und Peter warm begrüßt. Daheim bei den beiden! Es ging allerdings nicht nach Hause zu ihnen, sondern zu den  Strydoms, die uns herzlich empfingen, um Abschied zu nehmen. Es war zu merken, dass mich besonders die Kinder in ihr Herz geschlossen hatten – und umgekehrt! Wir besprachen, dass sie uns mal in Brasilien besuchen sollten. Sie versprachen es. Ich würde mich sehr darüber freuen.

Abschied von Ingrid und den Kindern. Bei Schillers gab es jetzt erst einmal ein Abendessen. Dann kam Hannes, der Vater der Strydoms, und wir sprachen über die Möglichkeit, uns zu besuchen. Offenbar war die Möglichkeit von der ganzen Familie erörtert worden und man war zu dem Schluss gekommen, dass das möglich sein sollte. Also wollte Hannes jetzt genauer nachfragen, wie es ist und welche Möglichkeiten es gibt. Besonders beeindruckt waren alle vom Oktoberfest in Blumenau mit dem Umzug. Den wollen sie gerne auch erleben. Hannes war auch ganz begeistert und verabschiedete sich erst gegen 22.30 Uhr. Es war ein schöner Abend mit ihm und den beiden Schillers, eben der letzte Abend hier bei ihnen. Dafür bin ich ihnen wirklich sehr, sehr dankbar. Schade nur, dass Aurora das alles nicht mitbekommen hat. Sie würde diese Menschen sicherlich auch sehr gerne haben. Da bin ich sicher.

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