26. November 2015, Donnerstag, Nach Hause

Jetzt folgt der letzte Teil des ausführlichen Berichtes über meine erlebnis- und verlustreiche Reise nach Südafrika.
Der Tag begann wie alle Tage, die ich bei Agnes begonnen habe, früh gegen 6 Uhr. Peter muss dann frühstücken, um im Anschluss zur Arbeit zu fahren. Das heißt, dass Agnes noch etwas früher aufsteht und das Frühstück für ihn, sich selber und mich vorbereitet. Und so begann dieser Tag wieder mit einer gemeinsamen Andacht und dem Frühstück. Das ist immer sehr gemütlich. Peter ist ein sehr angenehmer Mensch, still, eigentlich immer ausgeglichen und in sich ruhend, selbst wenn er wie derzeit viel Stress hat und sich auf seinen Urlaub, der Mitte Dezember beginnt, freut. Ich bedanke mich bei den beiden für das Ertragen der Mühe, die ich ihnen gemacht habe, das Bringen des Passes und das mehrfache Abholen und Wegbringen zum Flughafen, dann die Nächte bei ihnen und dass ich dort eine wundervolle, mir heimisch gewordene Basis für die Besuche bei anderen Teichler-Geschwistern vorfand. Wie kann ich es ihnen vergelten? – Ich hoffe, die Strydoms werden uns bald mal besuchen. Ingrid, die Mutter dieser wundervollen, jungen Familie, ist ja eine Schillertochter. Aber ehrlich: für diese Familie würde ich auch so sorgen wollen, auch wenn Agnes und Peter nicht so nett zu mir gewesen wären. Übrigens hatten wir alle auch immer wieder lustig, wenn wir beim Autofahren z.B. die anderen Fahrer in die von Agnes geschaffene Kategorie von Saftsäcken einteilten, wenn meine Übertreibungen, die mich angeblich, ich weiß nicht wie, hin und wieder passieren, mit „Du lügst!“ kommentiert wurden usw. Ja, wir haben uns richtig gut verstanden. Und wenn meine wundervolle Patentochter Tine, ihres Zeichens erfolgreiche Geschäftsführerin eines Ratzelschen Familien-Softwareunternehmens, mir eine so liebevolle Email schreibt, dass ich sie mir im Bad hinter den Spiegel stecken werde, um sie immer zu sehen, wenn ich mich selber im Spiegel sehe; wenn also dieses Urteil, dass ich ein lauter (wie kommt die nur darauf?) aber ein netter lauter Mensch wäre, bei den Teichlers und bei Andreas, der selber ein solcher ist, Zustimmung findet, dann ist der Besuch richtig gut gelaufen.
So schwangen viele Gefühle von Vorfreude auf Aurora, aber auch Abschiedsschmerz beim Frühstück mit.

Peter verabschiedete sich und fuhr zur Arbeit. Wir nahmen uns noch einmal kräftig in den Arm. Aber auch ich packte schon alles ein, weil ich heute früh die Nachricht bekommen hatte, dass der Flug 30 Minuten eher los geht, also schon um 10.45 Uhr. Man soll, so die Vorgabe der Fluggesellschaft, für einen interkontinentalen Flug 3 Stunden eher da sein und es ist Berufsverkehr. Also waren wir schon gegen 7 Uhr auf dem Weg zum Flughafen, kamen aber trotz mancher Staus relativ gemütlich durch und es gelang mir, noch in Begleitung von Agnes einzuchecken. Bevor ich dann im internationalen Bereich verschwand, nahmen wir noch einmal Abschied, umarmten uns und ich dankte ihr noch einmal.

Ab jetzt war ich alleine. Warten. Ich glaube, Fluggesellschaften lieben es, ihre Kunden auf Flughäfen warten zu lassen. Dann einsteigen. Los geht es in Richtung Heimat. Nach der ersten Mahlzeit im Flugzeug habe ich dann einen weiteren Verlust bemerkt. In säubernder Absicht fahre ich mit der Zunge über meine Zähne und stelle fest, dass oben links das Inlay wahrscheinlich den großen Abgang nach hinten gemacht hat. Jedenfalls klafft dort ein großes Loch, wo vordem noch das Inlay saß. Weg ist es, und ob es an einem stillen Örtchen wieder auftaucht, mag ich nicht so recht untersuchen, auch wenn es ein wertvolles Porzellaninlay war.

Über der Suchaktion war es spät geworden und das Einchecken begann recht bald. Ich bekam meinen Platz dieses Mal mit einem leeren Platz neben mir, auf dem Aurora hätte sitzen sollen. Im Geiste platzierte ich sie dorthin. Wir saßen direkt über dem Flügel, was den Flug ausgesprochen leise machte, auch wenn es etliche Turbulenzen gab. Langweilig war der Flug und ich habe entgegen meiner normalen Gewohnheiten gleich zwei völlig bescheuerte Filme geschaut, um nicht an Langeweile und Ungeduld einzugehen. So verging die Zeit und ich bekam eine Bestätigung meiner Abneigung gegen Filme. Übrigens war das Angebot an deutschsprachigen Filmen recht groß, was ich erstaunlich fand, denn für Deutsche sind Flüge zwischen Johannesburg und São Paulo keine Rennstrecke. Obwohl wir 30 Minuten eher gestartet sind, waren wir 30 Minuten länger als angekündigt in der  Luft. Der Flug dauerte 10 Stunden, obwohl er nur 7.600 km weit war. Man kann sich vorstellen, wie gerne ich das Flugzeug in Guarulhos, dem neuen, schönen, internationalen, weit draußen liegenden Terminal 3, verließ. Passkontrolle. Kein Problem. Koffer abholen. Warten. Mein schwerer Koffer war bei den letzten. Ich begann, nervös zu werden. Aber er kam. Jetzt zum Zoll. Nichts zu verzollen. Es wurden aber Stichkontrollen durchgeführt. Als ich dachte, ich wäre dran, winkte man mich durch. Keine Kontrolle. Ist auch besser so, weil ich getrocknetes Impala- und anderes Antilopenfleisch bei mir hatte. Aurora soll das doch probieren. Und dann begann eine Wanderung mit dem 30 kg schweren Koffer im Schlepptau von Terminal 3 ganz hinten bis Terminal 1 ganz vorne – gefühlte 10 km ohne Erbarmen. Am aller letzten Schalter der Halle vom Terminal 1 war das Check in für die Fluggesellschaft Gol, mit der ich um 21 Uhr nach Navegantes fliegen sollte. Die Dame am Check in war leider nicht in der Lage, mich unter meinem Namen oder der Buchungsnummer zu finden, obwohl sie die Bestätigung in der Hand hielt. Erst mein etwas verzweifelter Hinweis, mal unter Auroras Namen nachzusehen, führte zu einem guten Ergebnis, nachdem ich versicherte, dass Aurora bestimmt nicht kommen und einchecken würde. Also ohne Aurora weg zu fliegen, hat selbst solche unerwarteten Probleme zur Folge. Natürlich lag der Abflugsteig im Terminal 1 sozusagen an der am weitest entferntesten Stelle, aber das war jetzt nicht mehr so schlimm, weil ich nur noch Handgepäck hatte.

Da saß ich also wieder einmal auf dem Flughafen herum. Wer viel fliegt, der wird bestätigen, dass oft die meiste Zeit bei Flugreisen damit verbracht wird, auf Flughäfen herum zu sitzen, wobei sie alle gleich aussehen, ähnlich für lange Wartezeiten ungeeignete Sitze haben und einfach nur nerven – bis auf den Flughafen in Tallinn, aber wer fliegt schon nach Tallinn? Das Boarding begann später, aber der Flug ging recht pünktlich los. Ich saß in Reihe 12 direkt am Notausgang mit Beinfreiheit und ohne Nachbar. Wie gut! Ich konnte es mir gemütlich machen, wie es eben geht, wenn ständig ein Pling zu hören ist und das Zeichen dafür, dass man sich bitte wegen Turbulenzen anschnallen soll. Die gab es zu Hauf, weil wir natürlich jenes unsägliche Wetter mit Regenfällen und allem, was dazu gehört, haben, so wie es hier seit 3 Monaten herrscht. Die Landung in Navegantes war dann auch so heftig, dass im Flugzeug ein großes Angstgeschrei aufkam: ein Schlag, ein Schlingern, aber alles wurde gut. Das war das erste Mal, dass ich Angstgeschrei beim Landen erlebt habe.
Das Gepäck kam schnell und draußen warteten Aurora und Suzana. Welch ein Wiedersehen! Heimfahrt – natürlich zeitweilig durch Regen – und dann erstes Auspacken und Bewundern. Jetzt bin ich also wieder daheim. Wie schön! Aber wie schön war doch auch die Reise – wenn nur Aurora nicht so gefehlt hätte.

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